T-Online-Konkurrent enttäuscht die Börse
Tiscali lockt als Übernahmeziel

Die Zahl großer Internet-Anbieter wie T-Online oder Wanadoo ist nach vielen Übernahmen in Europa auf eine Hand voll geschrumpft. Jetzt scheint die italienische Tiscali ins Straucheln zu geraten. Nach schlechten Halbjahreszahlen rechnen Experten mit einer Übernahme. T-Online aus Deutschland hätte das Geld, hält sich aber bedeckt.

MAILAND/DARMSTADT. Im Kreis der europäischen Internet-Anbieter steigt nach der ersten Jahreshälfte die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Marktausdünnung. Während Europas Marktführer T-Online sehr solide Zahlen vorlegen konnte, hat der italienische Internet-Anbieter Tiscali den Markt gestern mit schwachen Quartalszahlen schockiert. Die Tiscali-Bilanz gab Gerüchten über eine bevorstehende Übernahme des Unternehmens neue Nahrung. Es wird seit geraumer Zeit spekuliert, dass entweder T-Online oder Wanadoo, eine Tochter der France Télécom, Tiscali kaufen wird

. Keine Verhandlungen mit Tiscali

"Wir verhandeln zurzeit nicht mit Tiscali", dementierte T-Online-Chef Thomas Holtrop entprechende Spekulationen. Gleichwohl beobachte das Management der Telekom-Tochter "sehr genau, was sich derzeit auf dem Markt tut". Es gebe in Europa nur noch fünf große Anbieter , so Holtrop weiter. Dazu zählt der T-Online-Chef außer dem eigenen Unternehmen noch Wanadoo, Tiscali, AOL und Terra Lycos. "Sollte sich im Kreis dieser fünf Anbieter eine Schieflage entwicklen, wäre das ein Zeichen für den Beginn der nächsten Konsolidierungswelle", sagte Holtrop dem Handelsblatt. Bereits seit längerem hatte Holtrop immer wieder betont, einen solchen Zeitpunkt für die "weitere europäische Expansion von T-Online" nutzen zu wollen.

Tiscali gehört zu den größten Zugangs-Dienstleistern in Italien und Großbritannien, ist aber auch in Frankreich, den Beneluxländern und Skandinavien aktiv. Derzeit wird das Unternehmen noch Gründer und Präsident Renato Soru mit einem Anteil von rund 35 % kontrolliert. In der Vergangenheit ist Tiscali durch eine aggressive Akquisitionsstrategie im Markt aufgefallen.

Tiscali in den roten Zahlen

Doch scheint die Strategie nicht aufzugehen: Nachdem Tiscali in den ersten drei Monaten 2002 noch einen kleinen Gewinn ausgewiesen hatte, ist das Ergebnis zwischen April und Juni vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen mit 9,5 Mill. Euro wieder in die roten Zahlen gerutscht. Der Umsatz ist von 195 Mill. Euro im ersten Quartal auf 175 Mill. Euro abgesackt. Schwerer wiegt aber, dass das Unternehmen im selben Zeitraum rund 60 Mill. Euro an liquiden Mitteln verloren hat. Mit rund einer halben Mill. Euro an verbleibenden Barmitteln ist das Unternehmen zwar nicht akut gefährdet, doch bewerten Experten die Finanzreserven angesichts hoher Mittelabflüsse auch nicht gerade als üppig. Tiscali hat seine Umsatzprognose für das laufende Jahr zudem von 900 Mill. Euro auf 800 Mill. Euro nach unten korrigiert. Festgehalten wird hingegen am Ziel, im letzten Quartal 2002 erstmals einen positiven Cash-Flow zu erwirtschaften.

T-Online weit erstmals Gewinn aus

Dagegen konnte T-Online im zweiten Quartal erstmals vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen einen Konzerngewinn von 15 Mill. Euro ausweisen. Im Vorjahresquartal waren es noch 57 Mill. Euro Verlust. Für das nächste Geschäftsjahr erwarten Analysten operative Gewinne von 130 Mill. Euro.

Besonders enttäuschend hat sich bei Tiscali die Zahl der aktiven Nutzer entwickelt. Sie ist im zweiten Quartal von 7,4 Millionen auf 7 Millionen geschrumpft. Die Kundenzahl von T-Online stieg dagegen zur Jahresmitte auf jetzt 11,6 Millionen zahlende Nutzer. Zwar führt Tiscali diese Entwicklung unter anderem auf die Eliminierung von Doppelzählungen in Deutschland und Frankreich zurück, dennoch bewerten Experten das Datum als wichtiges Indiz für die mangelnde Fähigkeit des Online-Anbieters, Nutzer dauerhaft zu binden.

Geschäftsmodell von Tiscali ist schwach

Als Grund sehen Analysten das Geschäftsmodell Tiscalis an, das sich nach wie vor in erster Linie auf Nutzer stützt, die sich über Zugänge ohne jegliche vertragliche Bindung einwählen. Kai Kaufmann, Analyst bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, sieht darin die eigentliche Schwäche von Tiscali: "Es kommt heute auf die Monetarisierung des vorhandenen Kundenstamms an." Hier setze T-Online mit direkten Rechnungsbeziehungen Maßstäbe.

Genau das soll sich laut Tiscali-Finanzchef Massimo Cristofori in Zukunft ändern. Im Gespräch mit dem Handelsblatt bekräftigte er, die zahlende Kundschaft im Laufe dieses Jahres von 35 % auf 40 % steigern zu wollen: "Vieles wird vom Regelungsrahmen für die schnellen DSL-Zugänge in Deutschland und Italien abhängen. Im Moment werden dort die Ex-Monopolisten massiv bevorzugt, so dass wir dort anders als in England oder Frankreich noch nicht konkurrenzfähig sind." Cristofori glaubt, dass Tiscali in diesem Jahr neue Kunden nur auf Basis von DSL-Zugängen hinzugewinnen kann. Die Zahl der Tiscali DSL-Kunden liegt europaweit bei 100 000. Dem stehen bei T-Online 2,3 Millionen DSL-Kunden gegenüber.

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