Tabakriese Philip Morris soll 28 Milliarden Dollar Entschädigung zahlen
Raucher könnten die Börse retten

Die 64-jährige Miss Bullock ist eine lungenkrebskranke Raucherin, die den Glimmstengelproduzenten verklagt hatte, weil sie sich getäuscht fühlte. Sie hatte schlichtweg der Morris-Werbung mehr geglaubt als den Warnungen der Gesundheitsbehörden, die auf jeder Zigarettenpackung prangen.

DÜSSELDORF. Neun Nullen mit einer 28 davor - das ist eine schöne Stange Geld. Selbst das Philip Morris-Management, das sich damit brüstet, noch nie Schadenersatz an erkrankte Privatkläger gezahlt zu haben und die Unternehmensfinanzen in einer äußerst komfortabel Situation weiß, müsste für eine solche Summe tief in die Firmenkasse greifen.

Dagegen kann Miss Bullock vorerst davon träumen, auch kühnste Wünsche zu erfüllen. Hätte sie 28000 Verwandte, könnte sie alle zu Millionären machen. Wollte sie ihrer patriotischen Pflicht nachkommen, wäre es für sie ein Leichtes, ihrem Präsidenten drei Wochen Feldzug zu finanzieren - gegen wen auch immer. Zieht es sie dagegen in die Ferne, würde sie in Europa wahrscheinlich mit offenen Armen aufgenommen. Mit 28 Mrd. $ könnte sie zum Beispiel die Finanzminister Deutschlands und Frankreichs von den Haushaltsqualen erlösen. Oder sie übernimmt quasi im Handstreich die gesamten Immobilien im Bankenviertel von Frankfurt/M. Das scheint gar nicht mal so abwegig angesichts der tiefroten Zahlen, die viele Geldhäuser in der Finanzmetropole schreiben.

Apropos Finanzmetropole: Auch auf dem Kurszettel der deutschen Börse findet sich gegenwärtig so manches Sonderangebot für kaufkräftige Kunden. Nur jeweils sechs Werte im Deutschen Aktienindex DAX kosten an der Börse mehr als 28 Mrd. $. Die Deutsche Bank und Allianz liegen nur knapp darüber, bei Siemens, Eon und Daimler-Chrysler reicht das Budget von Aufkäuferin Bullock noch locker, um die Mehrheit zu übernehmen. Aber sie muss ja nicht gleich alles verjubeln. Sie investiert beispielsweise gut 4 Mrd. $ und kann mit der Lufthansa reisen, die ihr fortan gehört. Dann bleibt ihr immer noch genug Geld übrig, um sich für lasche 4,2 Mrd. $ die Commerzbank einzuverleiben. In ihrer Hausbank könnte sie praktischerweise Konto und Depot eröffnen, um mit dem Rest ihres Vermögens das gesamte untere Ende im Dax abzuräumen. Man ahnt, welche Wirkung Betty auf die verwüstete deutsche Börsenlandschaft hätte.

Dummerweise wird Tabakopfer Bullock die 28 Milliarden nie zu sehen bekommen. Philip Morris hat Berufung eingelegt und frühere Urteile lassen Enttäuschung befürchten. So sprach im vergangenen Jahr ein US-Gericht den Erben eines verstorbenen Rauchers drei Milliarden Dollar zu. Die nächste Instanz reduzierte den Betrag auf 100 Millionen.

Doch auch mit dieser vergleichsweise bescheidenen Summe, lässt sich immer noch das eine oder andere Investment tätigen, auch nachdem der Fiskus und die Anwälte ihren Anteil abbekommen hätten.

Am totgeweihten Neuen Markt etwa kostet keiner der zwanzig Werte am unteren Ende des Nemax 50 mehr als 90 Mill. Euro: der einstige Highflyer Intershop ist für weniger als 80 Millionen, Steag Hamatech für 86 Millionen und D.Logistics für knapp 75 Millionen zu haben - ein wahrer Wühltisch für Gutbetuchte.

In Los Angeles klagen mittlerweile zwei weitere kranke Raucher nach Bullocks Vorbild. Offensichtlich sind die Amerikaner ihrer Zeit ganz einfach wieder einmal voraus: denn wo Kaufkraft fehlt, wird sie kurzerhand geschaffen. Nicht mit langwierigen Gesetzesänderungen oder politisch heiklen Reformen, sondern einfach durch Richter und Geschworene mit volkswirtschaftlichem Verantwortungsgefühl.

Und in Deutschland? Hier zu Lande wird doch viel mehr geraucht als in den USA! Auch wenn man es nur zögernd zugeben mag: Die deutsche Wirtschaftsmisere schreit nicht nach restriktiver Haushaltspolitik und schmerzhaften Reformen. Sie hustet und japst nach prozessfreudigen Rauchern mit einem Gespür für große Beträge.

Quelle: Handelsblatt

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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