Täuschung beunruhigt Belgien
Fernsehfiktion mit fataler Wirkung

Ein öffentlich-rechtlicher Sender berichtet über die Teilung Belgiens - Ziel sei die Diskussion über die Zukunft des Landes gewesen. Stattdessen stürzte der Bericht ein Land in Verunsicherung und lässt manche an der Glaubwürdigkeit eines ganzen Berufstandes zweifeln.

BRÜSSEL. Das flämische Parlament hat die Unabhängigkeit Flanderns beschlossen. Belgien ist geteilt." Der Moderator des öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender RTBF hat eine bedeutungsschwangere Mine aufgesetzt und Dramatik in seine Stimme gelegt. Soeben ist das Programm zur besten Sendezeit für eine Sonderausgabe der Nachrichten unterbrochen worden. "Belgien ist geteilt" - ein Satz nur, und ein ganzes Land steht Kopf.

Nur wenige Sekunden später laufen die Telefone heiß. Verunsicherte Zuschauer rufen beim Sender an, weinen. Senioren kommen wegen Kreislaufschwäche ins Krankenhaus. Französischsprachige Belgier sollen angeblich Hauskäufe im flämischen Teil des Landes rückgängig gemacht haben.

Auf dem Bildschirm folgen Live-Reportagen vom Königspalast, wo hinter dem bestürzten Journalisten Flamen ihre regionalen Fahnen schwenken. Der König, der bisher den flämischen Norden und den französischsprachigen Süden zusammengehalten hat, habe sein Amt niedergelegt, berichtet der Reporter. Alles wirklichkeitsgetreu, alles live. Alles echt?

Nach 30 Minuten blendet der Sender Entwarnung ein: "Es handelt sich um Fiktion." Reine Erfindung. Schwindel. Und doch kommt Belgien seit Mittwoch vergangener Woche kaum mehr zur Ruhe. Zeitungen, Radio, Fernsehen - noch nie haben Journalisten so ausgiebig über Journalisten gesprochen. Das Vorgaukeln falscher Tatsachen habe der Glaubwürdigkeit des Berufsstands geschadet, teilte der belgische Journalistenverband mit. Die an der "Sondersendung" Beteiligten sehen das freilich anders.

"Wir wollten eine Diskussion über die Zukunft unseres Landes anstoßen, wollten zeigen, welche Konsequenzen eine solche Teilung auf das Leben der Bürger haben könnte", verteidigte sich RTBF-Chef Jean Philippot. -Paul Tatsächlich hat es so etwas in der belgischen Fernsehgeschichte noch nicht gegeben. Und auch die Macher selbst sind erstaunt über die unglaubliche Wirkung, die sie mit ihrer Fiktion à la Orson Welles? "Krieg der Welten" erzeugt haben. Woran das liegt?

Die Sendung hätte durchaus den Tatsachen entsprechen können. Unabhängigkeitstendenzen sind nicht neu im Königreich, immer wieder keimen derlei Gelüste auf. Erst vor kurzem forderte eine Gruppe von flämischen Unternehmern mehr Kompetenzen für die Region. Und die rechtsextreme Partei "Vlaams Belang" fängt ihre Wählerstimmen vor allem mit der Forderung nach einer Spaltung des Landes. Ihr Gründer, Filip Dewinter, war denn auch der einzige Politiker, der die Sendung willkommen hieß: "Sie hat gezeigt, dass die Unabhängigkeit Flanderns keine Utopie ist."

Für den Chef des belgischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks RTBF ist die Luft freilich dünner geworden. Die Sitzung des Rundfunkrats am Freitag dauerte ganze vier Stunden, und am Ende stand doch keine einstimmige Entscheidung fest. Die Mitglieder, die der liberalen Partei MR angehören, wollten die Pressemitteilung nicht mittragen. In der spricht die Mehrheit der Aufsichtsräte dem RTBF-Chef Jean Philippot-Paul ihre Unterstützung aus. Man habe noch immer Vertrauen "in die Mitarbeiter, die Journalisten und die Führungsetage", heißt es in der Stellungnahme.

Trotzdem ist noch nicht klar, ob Chef Philippot seinen Posten tatsächlich behalten wird. Vermutlich werden die zuständigen Minister heute darüber beraten. Der Vorsitzende der französischsprachigen Liberalen und belgische Finanzminister Didier Reynders forderte am Wochenende harte Sanktionen: "Ich würde nicht verstehen, wenn bei der RTBF alle einfach so davon kommen würden."

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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