"Tag der Bahnübergänge" bei Castor-Gegnern
Der Castor rolllt und die Proteste laufen an

Der Atommüll-Transport aus dem französischen La Hague ist am späten Montagabend in Deutschland angekommen. Der Zug mit den sechs Castor-Behältern rollte kurz nach 23.20 Uhr beim rheinland-pfälzischen Ort Wörth über die Grenze. Der Wochenbeginn wurde von den Castor-Gegnern als "Tag der Bahnübergänge" bezeichnet. Jürgen Trittin (Grüne) verteidigte den Transport, äußerte aber auch Verständnis für die demonstrierenden Atomkraftgegner. Unterdessen wies das Bundesverfassungsgericht (BVG) eine Verfassungsbeschwerde von Gegnern des Castor-Atommülltransportes ab.

rtr/ddp/afp LAUTERBACH/LÜNEBURG/WÖRTH. Auf der französischen Seite wurden vier Atomkraftgegner festgenommen. Sie hatten laut Polizeiangaben versucht, Krallen auf die Gleise zu werfen. Mehr als 300 Atomkraftgegner hatten am Abend im rheinland-pfälzischen Wörth nahe der Grenze zu Frankreich gegen den Castor-Transport demonstriert.

Der erste Atommüll-Transport unter der rot-grünen Bundesregierung rollt seit Montagmorgen vom nordfranzösischen La Hague in das niedersächsische Zwischenlager Gorleben. Im Gebiet um Gorleben beteiligten sich mehr als tausend Atomkraftgegner an Protestaktionen vor allem entlang der Schienenstrecke zum Verladebahnhof Dannenberg. Der Zug, der rund 85 Tonnen Atommüll befördert, ist der erste Rücktransport deutschen Atommülls aus La Hague seit 1997 und der bisher größte dieser Art.
Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg und die Grünen im Wendland hatten beim Bundesverfassungsgericht Rechtsmittel gegen die Verfügung der Bezirksregierung Lüneburg eingelegt, nach der von Dienstag an Demonstrationen innerhalb eines Bereichs von 50 Metern beiderseits der Transportwege und rund um den Verladekran untersagt sind. Die Verfügung war zuvor sowohl vom Verwaltungsgericht als auch vom Oberverwaltungsgericht in Lüneburg für rechtens erklärt worden. Die Richter begründeten ihre Entscheidung mit dem Hinweis auf die Auseinandersetzungen bei vorangegangenen Transporten nach Gorleben.

In Frankreich gab es kaum Proteste

Am Morgen hatte sich der Castor-Transport nahe der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Bewegung gesetzt. Es ist der erste Atommüll-Transport aus La Hague in das niedersächsische Zwischenlager Gorleben seit vier Jahren. Nur wenige Atomkraftgegner hatten sich mit Transparenten an der Bahnstrecke versammelt, als der Transport nahe Valognes in der Normandie startete.

Rund 100 Beamte der französischen Polizei erwarteten den Zug am Bahnhof im elsässischen Grenzort Lauterburg, wo er gegen 23.00 Uhr eintreffen sollte. Auf der deutschen Seite in Wörth versammelten sich etwa 250 Atomkraft-Gegner zu einer Kundgebung an den Gleisen. Die Demonstranten sangen Lieder und tanzten. Einige setzten sich zunächst auf die Gleise, ließen sich aber von Polizei und Bundesgrenzschutz wegtragen. Rund 2000 Beamte waren im Einsatz.

In Wendisch Evern bei Lüneburg begann die Polizei am Nachmittag damit, eine Sitzblockade von etwa tausend Atomkraft-Gegnern zu räumen. Demonstranten hatten dort mehrere Polizeiketten durchbrochen und sich mit Transparenten mit der Aufschrift "Atomkraft, nein danke" und "Castor stopp" auf die Gleise gesetzt. Die Demonstranten wurden von der Polizei in einen eigens eingesetzten Zug getragen und nach Lüneburg gefahren. In der Umgebung der Stadt wurden sie nach Polizeiangaben auf freien Fuß gesetzt. Der Initiator der Aktion und Sprecher der Anti-Castor-Gruppe "x-tausendmal quer", Jochen Stay, wurde in "Verhinderungsgewahrsam" genommen.

Im weiteren Streckenverlauf Richtung Dannenberg kam es bei Nahrendorf kurzzeitig zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und der Polizei. Dort begann die Polizei nach eigenen Angaben mit der Räumung eines Camps von Castor-Gegnern. Den Angaben zufolge wurden entlang der Zugstrecke zwischen Lüneburg und Dannenberg mindestens 150 Demonstranten aus verschiedenen Gründen in Gewahrsam genommen. An mehreren Stellen hätten Castor-Gegner Gleise gelockert.



Bis zu 15 000 Beamte sollen den Castor schützen

Am Dienstagabend werden die sechs Behälter an der Verladestation im niedersächsischen Dannenberg erwartet. Von dort werden sie voraussichtlich am Mittwoch mit Tiefladern auf der Straße ins 20 Kilometer entfernte Zwischenlager Gorleben im Wendland gebracht. Polizei und Bundesgrenzschutz wollen in der Region Gorleben bis zu 15 000 Beamte einsetzen, um die Strecke zu sichern und den Castor-Transport zu schützen. Umweltverbände und Anti-Atom-Initiativen erwarten rund 10 000 Teilnehmer an Protestaktionen. Vor vier Jahren war es in Deutschland zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Atomkraft-Gegnern gekommen.

Im Atomkonsens mit der Stromwirtschaft hatte die Bundesregierung im Sommer auch die Wiederaufnahme der Castor- Transporte zugesagt, die im März 1998 wegen Zweifeln an der Sicherheit der Behälter gestoppt worden waren. Die Rücknahme des Atommülls aus der Wiederaufbereitung deutscher Brennstäbe ist zwischen Deutschland und Frankreich vereinbart. Pro Jahr sollen künftig zwei bis drei Transporte nach Gorleben erfolgen. Trittin sagte in der ARD, es sei immer klar gewesen, dass der Atommüll aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente aus Frankreich wieder zurückgenommen werden müsse. Zugleich zeigte er Verständnis für die Atomkraftgegner, die im Wendland gegen den Transport demonstrieren.

Trittin hat Verständnis für Proteste

Umweltminister Trittin verteidigte im "Südwestrundfunk" den Transport, äußerte aber auch erneut Verständnis für die demonstrierenden Atomkraftgegner. In der ARD erinnerte der Minister zudem daran, dass es von 2005 an keine Wiederaufarbeitung von deutschem Atommüll mehr geben solle. Der SPD-Fraktionsvize Michael Müller stellte klar, dass es für die Bundesregierung "beim Atomausstieg kein Wackeln gibt". Das von der Regierung geplante neue Atomgesetz, das den Ausstieg festschreibt, soll laut Umweltministerium noch in diesem Jahr in Kraft treten.

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