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«Tag der Wahrheit» im DFB-MachtkampfDPA-Datum: 2004-07-04 13:12:23

Berlin (dpa) - Der Ruf nach Otto Rehhagel wird vor dem «Tag der Wahrheit» im Machtkampf um DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder und bei der schwierigen Suche nach einem Bundestrainer immer lauter.

Berlin (dpa) - Der Ruf nach Otto Rehhagel wird vor dem «Tag der Wahrheit» im Machtkampf um DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder und bei der schwierigen Suche nach einem Bundestrainer immer lauter.

Sogar der in Berlin bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach seinem Rücktritt als Teamchef begeistert empfangene «Wetten, dass...»-Gast Rudi Völler reihte sich in die wachsende Schar der Rehhagel-Fürsprecher ein. «Es wäre für Otto Rehhagel die Krönung seiner Karriere», sagte Völler. Rehhagel wäre «natürlich» geeignet.

Franz Beckenbauer, dem bei der Sondersitzung des zwölfköpfigen DFB-Präsidiums in Frankfurt/Main eine Schlüsselrolle in allen Fragen zukommt, lobte den Griechen-Coach inzwischen ebenfalls «als einen der erfahrensten und erfolgreichsten Trainer». Außerdem würde der 65-Jährige ins Anforderungsprofil einer Übergangslösung passen, die Beckenbauer bis zur Weltmeisterschaft in Deutschland anregte. «Wir sollten einen Mann suchen für die nächsten zwei Jahre, denn das Hauptziel ist 2006. Wie es danach weitergeht, ist völlig egal», erklärte der Präsident des WM-Organisationskomitees (OK).

Mayer-Vorfelder wunderte sich über die immer zahlreicheren Stimmen für den Griechen-Coach: «Heute gibt es Befürworter von Otto Rehhagel, die gestern noch Gegner von ihm waren», sagte der 71-Jährige in der ARD-Sportschau. Immerhin kam es schon zu einem Telefon-Kontakt zwischen «MV» und Rehhagel, wie dieser in Lissabon verriet: «Der Präsident hat mich schon angerufen, aber nur, um mir Glück fürs Finale zu wünschen.»

Rehhagel wird sich selbst erst nach der EM zu seinen möglichen Ambitionen auf die Völler-Nachfolge äußern. Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus dagegen meldete im ZDF-Sportstudio trotz eines bis 2006 laufenden Vertrages als ungarischer Auswahlcoach offen seine Bereitschaft an: «Es wäre eine reizvolle Aufgabe - auch für mich», sagte der 43-Jährige. Rehhagel sei aber erster Ansprechpartner des DFB, wie Matthäus meinte: «Wenn am Montag die große Feier in Athen vorbei ist, muss Mayer-Vorfelder ihn anrufen.»

Zunächst muss «MV» aber in der Frankfurter DFB-Zentrale um seine eigene Position kämpfen. Vor der Sondersitzung des Präsidiums, bei der offiziell die Bundertrainer-Frage einziger Tagesordnungspunkt ist, wies der 71-Jährige die gegen ihn erhobenen Vorwürfe der Selbstherrlichkeit und des fehlenden Teamworks zurück. «Ich habe mir überhaupt keinen Vorwurf zu machen. Das ist alles gut gelaufen», sagte er. Der Opposition um Niedersachsens Landeschef Engelbert Nelle, die eine Gegenkandidatur von Schatzmeister Theo Zwanziger beim DFB-Bundestag am 23. Oktober wünscht, will «MV» kämpferisch entgegen treten: «Es werden einige Herren die Möglichkeit haben, die Vorwürfe zu erläutern.»

Während einige «Landesfürsten» offen Front gegen den DFB-Chef machen, erhält dieser ausgerechnet von namhaften Bundesliga-Machern Unterstützung. «Diejenigen, die was zu sagen haben, haben mit Mayer-Vorfelder kein Problem», sagte Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Die Profis wollen die Amateure zurückpfeifen.

Heftige Kritik am Krisen-Management nach dem Völler-Rücktritt übte Jürgen Klinsmann. «Wir machen uns lächerlich als Verband», sagte der frühere DFB-Kapitän im ARD-Hörfunk. Der Weltmeister von 1990 forderte ein reinigendes Gewitter: «Da muss es krachen. Und erst wenn die neue Struktur einer Nationalmannschaft steht - mit Profis in jedem Bereich - können wir uns unterhalten, wer als Bundestrainer da reinpasst.»

Maßgeblich wird sein, wie Beckenbauer sich im DFB-Machtkampf verhält. Der «Kaiser» erwartet Klartext der «MV»-Kritiker: «Entweder du akzeptierst ihn so, wie er ist, oder du opponierst.» Er selbst dürfte alles dafür unternehmen, weiteren Schaden für die WM 2006 abzuwenden. Ein Präsidenten-Sturz wäre insofern fatal, weil Mayer- Vorfelder Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees ist. Und Joseph Blatter, der Präsident des Weltverbandes (FIFA), warnte die Deutschen bereits in Lissabon davor, zwei Jahre vor der WM die gesamte Organisation des deutschen Fußballs in Frage zu stellen.

Schon die sportliche Situation ist nach dem frühen EM-Ausscheiden und dem Chaos nach dem Völler-Rücktritt Besorgnis erregend. «Wir können noch so große Anstrengungen machen vom Organisationskomitee und versuchen, eine perfekte WM zu organisieren. Das nützt uns nichts, wenn die Leistung der Mannschaft nicht stimmt», klagte Beckenbauer. Auch WM-Botschafter Klinsmann schlug Alarm: «Wir sind orientierungslos. Das können wir uns als Nation nicht erlauben, weil wir 2006 die WM veranstalten, bei der wir die Chance haben, ein ganz neues Deutschland-Bild abzugeben.»

Klinsmann forderte zudem die Installation eines Managers bei der Nationalelf. Reiner Calmund erneuerte die Idee, dass Völler doch wieder eine Aufgabe im Umfeld der Nationalmannschaft übernimmt. «Es gibt da auch schon Signale vom DFB», berichtete der ehemalige Manager von Bayer Leverkusen.

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