Tag des Abschieds
Die Firma Piëchetsrieder

Nach neun gemeinsamen Jahren versteht man sich auch ohne viele Worte. Es war der Abend des 12. März, hinter verschlossenen Türen hatte Ferdinand Piëch seinen Führungskräften das vergangene Jahr und die Bilanzpressekonferenz zusammengefasst. Er hatte bedächtig gesprochen, wie immer. Mit langen Pausen, wie immer. Dann sagte er: "Auf Wiedersehen", wie noch nie. Dank für die Aufmerksamkeit, ja. Gute Wünsche, ja. Aber auf Wiedersehen? Nie.

Sie begriffen: Hier nahm der Patriarch Abschied auf seine Art. Und den schwierigen Teil, den sentimentalen, nahmen sie ihm ab. Die Herren in den dunklen Anzügen erhoben sich, klatschten heftig und jubelten. Standing Ovations hatte die Regie eigentlich später vorgesehen. Egal, später standen, klatschten, jubelten sie einfach noch mal. Es sei bewegend gewesen, erzählte einer der Herren hinterher.

Gestern hatte Piëch, noch 64, mit der Vorstellung des Ein-Liter-Autos einen großen Auftritt. Heute sagt er auf der VW-Hauptversammlung in Hamburg dem breiten Publikum auf Wiedersehen, bevor sein Nachfolger an der Unternehmensspitze, Bernd Pischetsrieder, 54, übernimmt. Beifall garantiert.

Solche Zuneigung hätte vor neun Jahren niemand vorausgesagt. Den Sanierungsfall Seat und verheerend hohe Kosten drückten die VW-Manager unter Wasser. Sie erwarteten einen Retter, auch wenn der angeblich gern Fußtritte verteilte. Dem Ruf wurde Piëch dann durchaus gerecht. Erst später erfuhr man im kleinen Kreis vom leisen Charme und Humor, erst später leistete er sich die Milde, jedem einen einzigen Fehler zu verzeihen. Anfangs hätte auch dieser eine Fehler die Pleite bedeuten können, sagte Piëch später einmal. Folglich verloren Dutzende Manager ihren Job, bevor sie Fehler machen konnten. Ende 1994 verhandelte man innerhalb weniger Wochen fünfzig Auflösungsverträge für die Top-Etage.

Seine leisen Vernichtungen, wortkarg und mit kaltem Blick, sind bis heute berüchtigt. Wenn Piëchs Emissäre kommen, wird in den Werken Alarm ausgerufen. Wenn der Chef selbst auftaucht, bleibt nicht einmal dafür Zeit. Bis in den letzten Winkel des Konzerns pflegt er den direkten Zugriff, auch Kleinigkeiten entscheidet er selbst. Jeder Entscheidungsträger im Konzern ist auf ihn gepolt, jedem hat er Nerven geraubt, aber jeder hat dank Piëch auch neun Jahre Erfolg hinter sich. Eigentlich sei es schade, sagt ein früherer VW-Manager: Der Pischetsrieder habe gar keine Chance.

Oder vielleicht doch? Rückblende: 11. September, kurz vor dem Terroranschlag in New York. Bernd Pischetsrieder verschwindet plaudernd hinter seiner Aktentasche. Draußen tobt die IAA, der frisch gekürte Kronprinz wühlt nach seinen geliebten Zigarren. Nein, nein, dringt es hinter der Tasche hervor, von großen organisatorischen Änderungen halte er zunächst nichts. Es gehe um das Verständnis in den Köpfen, letztlich könne man da gar nichts verordnen. Die Mannschaft müsse sich auf die Kunden einstellen, die Köpfe seien es, immer wieder die Köpfe, "aber Denken ist halt nicht spektakulär".

Monatelang hatte er Zeit zum Denken. Am Tag nach dem Abgang als BMW-Chef rief Piëch an, aber der Umworbene war von den Bayern noch nicht freigegeben und nahm sich eine Auszeit. Viele Autofabriken hat er in dieser Zeit gesehen, viele heutige Partner und Konkurrenten abgeklopft. Dann machte er das Gleiche in seiner Wartezeit als VW-Vorstand.

Wechsel vom Terminator zum Motivator

Kaum hat ihn der Aufsichtsrat im September - früher, als von Piëch zunächst erwartet - zum Nachfolger ausgerufen, listet Pischetsrieder öffentlich das Veränderungsprogramm auf. Er tut es vorzugsweise in Nebensätzen und bleibt die Hauptsätze schuldig. Als Noch-nicht-ganz-Chef kann er sich das leisten. Es genügt, die Mannschaft wachzurütteln, aber es stürzt sie nicht in übermäßige Unruhe. Personalpolitik betreibt er feinsinnig, man kann sie bestenfalls an der Verteilung von Aufsichtsratsmandaten ablesen. Wer immer ihm begegnet, spricht hinterher von Offenheit, Gelassenheit und Teamgeist. Ein Diplomat ist am Werk, der Konzern erlebe einen Wechsel "vom Terminator zum Motivator", sagt ein VW-Mann.

Leider trauen nicht einmal VW-Leute allen Kollegen zu, mit diesem Wandel umzugehen. Das ist die Kehrseite von Piëchs Führung: Der Chef hat den Konzern im Griff, aber ohne diesen Griff schwimmt der Konzern. Freiräume ist niemand gewöhnt, jeder verdankt die Karriere dem Altmeister.

Manches Projekt stockt zurzeit, weil sich niemand nach vorn traut. Man weiß noch nicht recht, wie der Neue tickt, wie man ihn gewinnen kann. Bei Piëch war das einfacher: Technik ging immer. Selbst über Konzernvorstände wie den profilierten Personalmann Peter Hartz oder Marketingchef Robert Büchelhofer wird intern gern gelästert, sie hätten sich jede Kleinigkeit vom Chef absegnen lassen.

Pischetsrieder müsse die Kultur schnell ändern, heißt es bei jüngeren VW-Managern. In der Tat hat er sich ein beachtliches Pensum vorgenommen. Das Eigenleben der Töchter will er beschneiden. Die Modellpolitik muss sich ändern, weniger Doubletten verlangt er, mehr Nischenautos. Die Umsatzrendite ersetzt er als Zielgröße durch die Kapitalrendite. Das von Piëchs einstigem Zögling José López forcierte Outsourcing sieht er skeptisch. "Komponentenstrategie ist Kompetenzstrategie", zitieren ihn angetan die Betriebsräte. Piëchs Idee, Allianzen zur Abwehr feindlicher Übernahmen zu bilden, kanzelt er ab: "Das defensive Jammerlappengetue haben wir nicht nötig." Und schließlich kommt die Teilung der sieben Pkw-Marken in eine klassische und eine progressive Gruppe - anders, als Piëch es vorhatte.

Der neue Chef hat keine Hausmacht

Das alles geht Pischetsrieder ohne Hausmacht an. Allein der neue Qualitätsbeauftragte und ein paar Vertraute aus dem Jahr bei Seat gelten als "seine" Leute. Im Übrigen kocht der Chef selbst. Pischetsrieder hat Ämter gesammelt wie Piëch in seinen besten Zeiten: Vorstandschef ist er und Chef der Markengruppe VW, Aufsichtsratsvorsitzender bei Audi und Seat, Leiter der Geschäftsbereiche Forschung und Entwicklung sowie Konzern-Qualitätssicherung. An ihn berichten die Bereiche Revision, Kommunikation und Produktplanung.

Erste Aha-Erlebnisse sollen die Entwickler bei den jüngsten Abnahmefahrten gehabt haben. Während man Piëch für das letzte Prozent technische Perfektion immer noch ein paar Prozent mehr Geld aus dem Kreuz leiern konnte, habe Pischetsrieder gnadenlos auf den Kundennutzen gepocht. Die Vorstandsausschüsse, in denen die Entscheidungen vorbereitet werden, hat er so umgebaut, dass teure Egotrips der Töchter ausgeschlossen sind. Ein Fall wie der neue Skoda Superb, der gegen den VW Passat fährt, sei zum letzten Mal vorgekommen, frohlockt der VW-Vertrieb.

Das tut man auch im Aufsichtsrat: Pischetsrieder wisse offensichtlich, was er will, heißt es unisono. Deshalb wird auch weder im Management noch im Aufsichtsrat daran gezweifelt, dass der endgültigen Berufung zum Chef die bisher vermissten Personalien folgen werden. In drei bis sechs Monaten, so lauten die Prognosen, werde sich Pischetsrieder seine Hausmacht bauen.

Die Sorge verblasst, er könne so sein wie der Ruf, der ihm aus München vorauseilte: Weich sei er, leicht zu beeinflussen. Eigentlich habe Vorgänger und Aufsichtsratschef Eberhard v. Kuenheim BMW regiert. Mit Ferdinand Piëch, auch Vorgänger, auch Aufsichtsratschef, werde es genauso kommen. Wer gewinnt, wenn ein Motivator auf einen Terminator trifft? Ein Aufseher gibt sich gelassen. So etwas wie mit v. Kuenheim werde Pischetsrieder nicht noch einmal passieren. Verklausuliert kann man das auch vom neuen VW-Chef selbst hören.

Und Piëch? Nicht zuletzt auf Druck des jetzigen Aufsichtsrats wurde er zum Musterschüler. "Toi, toi, toi, bis jetzt läuft der Wechsel erstaunlich gut", sagt ein Aufseher. Ein anderer hält den Übergang für den besten in der VW-Geschichte.

Neulich habe Piëch bei einem Meeting gefehlt, erzählen sie sich im Konzern. Als man nachfragte, wo der Chef bleibe, ließ Piëch ausrichten, er sei auf dem Heimweg. Das Thema gehe ihn sowieso nichts mehr an, und die Ehefrau warte mit dem Kaffee.

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