Tagebuch der Handelsblatt-Reporter
Die Straßenkämpfer

Neulich am Prenzlauer Berg. Eine Bundestagskandidatin: "Hallo, darf ich Euch meinen Folder geben?" Ein schwules Paar: "Nur, wenn Du Kondome hast." Man geht gemeinsam zum Werbestand. Der kräftigere der beiden Männer greift sich zwei, drei, vier, fünf Kondome. Dann erst nimmt er den Prospekt samt Porträt der PDS-Kandidatin. Und ab ins Kino. Praktisch, dass es da auch Papierkörbe gibt.

Ein paar Tage vorher in Dortmund. Ein Mann in kurzen Hosen zur SPD-Abgeordneten: "Ich wollte mit Ihnen über den Metrorapid reden." Zwanzig Minuten später steckt der Mann mitten in den Ausführungen über die Welt der Eisenbahnen. "Ich bin Fan, müssen Sie wissen." Die Direktkandidatin kann ihn nur stoppen, weil neben ihr eine alte Dame auf das Gespräch wartet. Um was es der Frau politisch geht, ist dann allerdings auch nicht recht erkennbar. Irgendein Familienproblem.

Es gibt Tage im Leben unserer Abgeordneten, da müssen sie sehr stark sein, um nicht an Grundrechten wie dem der freien Meinungsäußerung zu zweifeln. Es sind diese sonnigen Spätsommertage alle vier Jahre, und sie verführen dazu, Bert Brechts Bemerkung, die Regierung solle sich doch, wenn es ihr nicht passe, ein neues Volk suchen, für bare Münze zu nehmen. Doch weil keines mehr frei ist, wird das Wort Volksvertreter mehr denn je auf den letzten drei Silben betont, und der Job der politischen Elite besteht darin, unwilligen Wählern Prospekte in die Hand zu drücken. Von wegen Medienwahlkampf, von wegen Duell, am Stand heißt?s: einer gegen alle. Dass in der Demokratie alle Staatsgewalt vom Volk ausgeht, steht schon in der Verfassung, aber dass das so wörtlich gemeint war, erschließt sich den Parlamentariern erst in diesen Tagen.

Wer will es ihnen verübeln, wenn sie an früher denken, als es noch jene feine Sorte Kandidat gab, die von der Parteiführung gesetzt wurde. Nie hat irgendjemand Karl Schiller, seiner Zeit Direktkandidat in Dortmund, Prospekte verteilen sehen. Und Folder schon gar nicht.

Vielleicht aber war das der Grund, dass der Superminister so früh hingeschmissen hat. Ihm fehlte der Straßenkampf und damit Churchills Einsicht, dass Demokratie die Notwendigkeit ist, sich gelegentlich den Ansichten anderer Leute zu beugen. Mindestens alle vier Jahre.

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