Tagebuch der Handelsblatt-Reporter
Getönte Umfragen

Mein mit allen Wassern gewaschener Friseur hat sich nie etwas vormachen lassen: "Natürlich tönt sich der Schröder die Haare, das sieht man!" Das hat er vor allen anderen gesehen und gesagt - vor vier Jahren. Trotzdem hat er den getönten Genossen gewählt. "Ich bin halt ein Zocker," sagt der Neudeutsche aus dem Baltikum. Damals spürte er wohl eine Art Wahlverwandschaft mit dem Kanzler, auch wenn er sich jetzt eingesteht. "Ich habe dem einfach vertraut."

Das Zocken liegt meinem Friseur im Blut wie anderen das Autowaschen am Wochenende. Neben Schröder-Wählen belegt das sein häufiges Abtauchen in die Russen-Spelunke am Kudamm. Dort hat er am Tag nach dem TV-Duell zwischen Schröder und Stoiber eine garantiert unechte Dolce & Gabbana Brille erzockt. "Wenn man keinen mehr Unterschied zwischen den Beiden erkennen kann, muss man dabei wenigstens gut aussehen!"

Seit einigen Tagen hat der Figaro gar keinen Durchblick, schaut nur noch verstört aus der Wäsche. Plötzlich äfft er Politiker nach und sagt so Sachen wie: "Das zerstört die Grundachse meines Selbstverständnisses." Meist kann der Fachmann für männlichen Kopfschmuck sein Malheur begründen. Gerade zerstören die Demoskopen sein Weltbild. "Die sagen jetzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus. Wie kann das passieren,Wissenschaft? Ich habe da ganz andere Zahlen."

Klar, seine Kundschaft hat es viel besser als die armen Opfer der Demoskopen. Bei ihm reden sie frei von der Leber weg, ohne Telefon oder Fragebogen dazwischen. Ohne Schalldämpfer sozusagen und im Vertrauen auf die tiefe Verschwiegenheit, wie im Beichtstuhl. Oder von Zocker zu Zocker. "Ich weiß nicht, wie die an diese verrückten Zahlen rankommen. Bei meinen Kunden jedenfalls wählen höchstens acht von Hundert Schröder." Er geht jede Wette ein, dass die Demoskopen mit ihren Prophezeihungen daneben liegen. "Zu mir kommt alle Welt: Taxifahrer, Polizisten, Politiker, Journalisten, Computerfreaks und Internetabhängige. Selbst wenn Schröder in Gummistiefeln im Bundestag auftritt: Es ist längst um ihn geschehen."

Den neuesten Zahlen der Demoskopen, da lässt er sich gar nichts vormachen, sind nicht real. "Das merkt man doch: Alles getönt!"

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%