Tagebuch der Handelsblatt-Reporter
Nichts zu lachen

Es gab mal Wahlkämpfe in Deutschland, die hatten Witz: "Achtung Arbeiter! Die SPD will Euch Eure Villen im Tessin wegnehmen!" So knapp warnten tatsächlich einmal Wahlplakate, die der Plakatsponti Klaus Staeck für die SPD entworfen hat - ja, für die Genossen.

Damals, in den 70er Jahren, funktionierten Scherz und Satire, Ironie und tiefere Bedeutung noch in diesem unseren Lande. Damals, als der klassenbewusste Sozi sofort verstand: Gemeint waren natürlich die reichen Steuerflüchtlinge der CDU, die Konzernherren, die Großkapitalisten. Damals, als noch klar war, wer links und wer rechts stand. Na, logo.

Heute ist alles ganz anders. Da drängeln sich alle in der Mitte. Viel schlimmer noch, da driften einige sogar direkt weiter, nach ganz links weg. Ein turbogeföhnter Edmund Stoiber will die SPD auf roter Erde überholen und entdeckt im Wahlkampf die "soziale Symmetrie". Deshalb will er auch den unsozialen "Großen" an die weißen Kragen und die Kapitalisten aller deutschen Länder zur Solidarität zwingen - und zur Kasse bitten. Da will die Union dem doch bereits notleidenden Kapital all jene Steuervorteile - Gewinnsteuer! - wieder wegnehmen, die, ja, die mitfühlende SPD ihm gerade erst geschenkt hat.

Klar doch: Jedem das Seine, aber: verkehrte Welt. Nicht nur bei den Schwarzen. Ein so bescheidener Radfahrer wie Rudolf Scharping lässt sich für Tausende Euro von einem Lobbyisten gräflich in teures Tuch einwickeln. Und da muss es für Oskars späte Helfer und Weinkenner wenigstens das "Margaux" in Berlin sein, um standes-, ja doch: standesgemäß zu dinieren. Und natürlich besitzt man als anständig arrivierter Genosse und Minister - das Tessin ist längst out - zumindest Latifundien in der Toskana. Wen wundert es da noch, dass der Kandidat in der Leberkäsetage kauern muss, während der Kanzler in der Champagnerlounge thront?

Ach, ihr Sozialdemokraten. Im Wahlkampf redet man natürlich nicht über Euer gepflegtes Aufsteigertum. Aber Scherz, Satire, Ironie: Das geht bei Euch eh nur noch ohne tiefere Bedeutung. Zum Beispiel so: "Achtung Arbeiter! Die SPD will Euch Eure Brioni-Anzüge wegnehmen!" Wär? doch jetzt mal ein schönes Plakat gewesen, Herr Staeck, oder?

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