Tagebuch der Handelsblatt-Reporter
Ruf doch mal an...

Heute schon mit George telefoniert? Und mit Jacques? Was, noch nicht? Hat Tony nicht wegen des Iraks angerufen? Warum meldet sich Wladimir nicht? Und wer verbarg sich hinter der arabisch klingenden Stimme auf Leitung 7?

Fragen über Fragen, die das politische Berlin zurzeit quälen. Von wegen Megathema Arbeitslosigkeit - noch nie ist in einem Bundestagswahlkampf so viel übers Telefonieren geredet worden. Nein, das hat nichts mit dem schlechten Börsenkurs des Staatskonzerns Telekom zu tun, ist auch keine pfiffige Idee zur Umsatzsteigerung durch teure Auslandsgespräche.

In Wirklichkeit wird Deutschland Zeuge der mühsamen Kindheitsbewältigung der Hauptdarsteller: "Ich habe mit dem und dem telefoniert und du nicht, ätsch." (Der Kanzlerkandidat spielt den Trumpf aus, dass er von seinem Elternhaus aus Freunde anrufen durfte.) "Ich will den aber auch gar nicht anrufen, weil ich ihn schon immer blöd fand, ebenfalls ätsch." (Der Kanzler überspielt, dass er dereinst aus Kostengründen zu Hause nie telefonieren durfte).

Von wegen politscher Schlagabtausch. Im Kern geht es um Pubertätsprobleme. Vor allem Frauen überwinden sie meist beim Erwachsenwerden - regieren dann aber leider selten. Bei Männern können manchmal gewiefte Therapeuten nachhelfen. Ist dies nicht der Fall, landen wir in Deutschland, genauer: in Berlin, September 2002. Ein Kanzler sitzt in seinem Büro und starrt beschwörend auf das stumme rote Telefon, das ihm eigentlich eine störungsfreie Verbindung nach Washington garantiert. ("Warum meldet der sich denn nicht - ich ruf? ihn jedenfalls nicht als Erster an.")

Wie bitte? Das Thema Irak ist zu ernst für eine solche Glosse? Was? Tony Blair wolle persönlich einen "Blutzoll" im Kampf gegen Irak leisten? - Das müssen Sie am Telefon wohl falsch verstanden haben.

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