Tagebuch der Handelsblatt-Reporter
Weg mit den alten Tretern

Guido Westerwelle ist immer für eine Überraschung gut. Obwohl der FDP-Chef nicht selten Gast bei Sabine Christiansen ist, mustert ihn die Moderatorin am Sonntag besonders eingehend. Dann: "Herr Westerwelle, wo sind denn Ihre Schuhe geblieben?"

Eine nahe liegende Frage. Nicht etwa, weil Westerwelle barfuß erschienen wäre. Aber noch vor kurzem sorgte er mit einer poppig-gelben 18 - mal auf Schuhsohlen, mal auf Hemdkragen - für Gesprächsstoff bei Talkshows. Und quasi zwangsläufig konnte der Möchtegern-Kanzler demonstrieren, wie zwanglos es in der Politik zugehen kann, wenn man sich nur richtig bemüht, Spaß zu haben. Das passende Vehikel für die "Spaß um jeden Preis"-Kampagne war das Guidomobil. Außen gelb, innen mit der "18" auf den Lampenschirmen - was sollte da noch schief gehen?

Aber irgendetwas ist dann wohl doch schief gegangen. Die kultigen Events, mit nur einer kleinen Politik-Einlage garniert, fanden nicht so richtig Anklang. Der letzte Einsatz des Guidomobils hatte Symbolcharakter: Während andernorts ostdeutsche Landstriche im Hochwasser versanken, konnte bei strömendem Regen auf dem Bonner Marktplatz der Eindruck aufkommen, hier sei jemand mit dem falschen Gefährt zur falschen Zeit am falschen Ort.

Es bedurfte wohl einer Flutkatastrophe, damit die FDP begreift, was andere früher erkannt haben: Dem Wahlvolk ist überhaupt nicht nach Lachen zumute, weil es angesichts der wirtschaftlichen Lage zutiefst verunsichert ist.

Für einen jungen, agilen Parteichef kein Problem: Das Guidomobil wurde planmäßig ausgemustert, wenn auch ohne Sang und Klang. Von der unerträglichen Kultigkeit ihrer bisherigen Kampagne befreit, kann sich die Partei jetzt ernsthaft mit der Erosion ihrer Umfragewerte befassen. Spät, aber vielleicht noch nicht zu spät präsentiert Gute-Laune-Guido den neuen, seriösen Westerwelle. Und sorgt so ganz nebenbei wiederum für Gesprächsstoff bei Christiansen.

Da bleibt dann nur noch die Frage nach Westerwelles Schuhe offen. Die Antwort vernimmt man mit Erleichterung: Im Schuhmuseum - da gehören sie auch hin!

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