Taktik gegen Schotten noch offen
Ausraster mit Nebenwirkung

Rudi Völlers Wutausbruch hat die deutsche Fußball-Welt überrascht - und vor allem sein Spieler beeindruckt. Die fühlen sich vor dem wichtigen Schottland-Spiel jetzt jedenfalls in die Pflicht genommen. Sein Ausraster könnte sich nun zum entscheidenden Motivationsmittel für das brisante Duell mit den Schotten von Berti Vogts erweisen. Doch die mentale Verfassung seiner Mannen stimmt selbst den polternden Teamchef bedenklich.

HB DORTMUND. "Im Nachhinein passt es. Natürlich habe ich die Hoffnung, dass ich etwas zurück bezahlt bekomme", erklärte der Teamchef zwei Tage vor dem vorletzten EM- Qualifikationsspiel in der Festung Westfalenstadion: "Am Mittwoch muss es eine Reaktion geben. Ich hoffe, dass die Spieler in ihrem Ehrgefühl gepackt sind und Flagge zeigen."

Zwar distanzierte sich der Teamchef am Montag nochmals von einigen "zu derben und scharfen Worten" seiner Brandrede von Reykjavik, doch in der Sache blieb Völler hart. "Ich weiß, dass das auch kritisch gesehen wird, weil es in Deutschland nicht so einfach ist, so etwas zu sagen. Aber sonst kann ich diesen Trainerberuf hier in Deutschland nicht ausüben", verteidigte Völler seine verbalen Attacken von Reyjkavik.

Zwar fühlte sich der Teamchef zwei Tage vor dem EM-Spiel am Mittwoch gegen Schottland "ein wenig überrascht", dass die Resonanz auf seinen spektakulären TV-Auftritt von Island so "extrem" gewesen sei. "Das Grundsätzliche aber bleibt, da gehe ich keinen Millimeter davon ab", machte der Teamchef deutlich, dass er sich weiterhin gegen alle Störfeuer von außen und innen wehren wird.

Die Spieler präsentierten sich am Montag in Dortmund jedenfalls tief beeindruckt von der Rückendeckung ihres Chefs und versprechen diesem totalen Einsatz. "Der Tenor in den Gesprächen der Mannschaft war, dass wir den Rudi nicht im Regen stehen lassen können. Wir wissen, was wir zu tun haben. Wir müssen für ihn fighten. Wir werden Gas geben", erklärte der Dortmunder Christian Wörns vor seinem 50. Länderspiel.

Völlers heftiges Vorgehen gegen "ehrabschneidende, diffarmierende und verletzende" Kritik ausgerechnet nach dem 0:0 in Island, als er sich von seinen Akteuren schmählich im Stich gelassen fühlen durfte, kam beim Team glänzend an. "Wie er sich vor uns gestellt hat, war klasse", schwärmte Tobias Rau. Ins selbe Horn stieß Arne Friedrich: "Wir müssen gewinnen, um auch den Trainer wieder zu stärken."

Einen Sieg für Völler, der die Tabellenführung einbrächte und ein Riesenschritt zur EM-Endrunde in Portugal bedeuten würde, erwartet auch DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder: "Wenn ich Nationalspieler wäre und gesehen hätte, wie sich Völler vor die Mannschaft gestellt hat, würde ich es als innere Verpflichtung ansehen, mein Bestes zu geben. Ich erwarte eine Reaktion von der Mannschaft."

Völler bekam auch aus der Bundesliga totale Unterstützung. Er solle seinen Weg "konsequent" fortsetzen, übermittelte der Arbeitskreis Nationalmannschaft mit den Bayern-Vorständen Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß sowie den Managern Michael Meier (Borussia Dortmund), Reiner Calmund (Bayer Leverkusen), Rudi Assauer (Schalke 04) und Dieter Hoeneß (Hertha BSC) nach einer Telefon-Konferenz.

Taktisch müsste Völler gegen die Schotten allerdings von seiner vorsichtigen Marschroute abrücken und mit einer mutigeren Aufstellung ein Signal setzen. Doch davor schreckt der Teamchef offenbar zurück: "Es hängt davon ab, in welcher Verfassung sich ein Offensivspieler mir in den nächsten Tagen präsentiert", bemerkte Völler. Mit einer Nominierung von Sebastian Deisler zögert er, nachdem ihm schon in Island "das Risiko ein Tick zu groß war, Deisler von Anfang an zu bringen".

Franz Beckenbauer ermutigte Völler jedoch, den 23-jährigen Münchner sofort zu bringen. "Er war nach seiner Einwechselung in Island wenigestens derjenige, der versucht hat, ins Dribbling zu gehen. Das hat man bei den anderen gar nicht gesehen", sagte der "Kaiser": "Aber der Rudi muss wissen, wen er aufstellt."

Völler wird sein Team auf einigen Positionen umkrempeln. Rau kehrt nach seiner Gelb-Sperre auf die linke Seite zurück, und der ehemalige Dortmunder Fredi Bobic dürfte im Sturm für den angeschlagenen Oliver Neuville seine eingeforderte Chance bekommen. "Ich gehe davon aus, dass ich spiele", sagte der Herthaner. Auf den am Knie verletzten Jens Jeremies muss Völler dagegen erneut verzichten. Der Münchner wäre allerdings ein Spieler von der Kategorie gewesen, nach der Völler seit Montag im DFB-Quartier in vielen Krisengesprächen fahndet. "Die, die spielen, müssen mir das Versprechen geben, dass sie mit der Druck-Situation zurecht kommen", betonte der Teamchef.

Die mentale Verfassung seines Kaders stimmt Völler nämlich sehr bedenklich. "Uns fehlt zuviel Selbstvertrauen", gab er zu. Darum hatte er am Sonntagabend im Mannschaftshotel noch lange mit Kapitän Oliver Kahn und Mittelfeldspieler Michael Ballack zusammen gesessen, um die kritischen Situation zu analysieren. Dabei gab es "wichtigere Dinge zu besprechen", als den verbalen Schlagabtausch der beiden Führungsspieler während des Island-Spiels, versicherte Völler.

Jung-Nationalspieler Rau befürchtet in Erinnerung an das "brutale Foul" des Schotten Morris Ross an ihm beim 1:1 im Hinspiel eine wüste Treterei: "Es wird ein heißes Spiel, hart und ähnlich aggressiv wie in Glasgow." Enden soll es in Dortmund allerdings wie vor knapp zwei Jahren gegen die Ukraine, als die DFB-Elf im "Endspiel" um das WM- Ticket unter noch größerem Druck zu einem 4:1-Sieg stürmte. Wie damals soll der Funke vom Team auf die 66 000 Zuschauer im lange ausverkauften Westfalenstadion überspringen: "Ich appelliere an die Fans, uns zu unterstützen", warb Lokalmatador Wörns trotz der zuletzt schlechten Leistungen um Rückendeckung, wie sie Völler gab.

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