Talfahrt der europäischen Währung nur kurz gestoppt – Erste Aktion dieser Art
Intervention der EZB bleibt ohne Wirkung auf den Euro

Der Wechselkurs der europäischen Einheitswährung hat sich gestern nur kurzzeitig stabilisiert. Die Europäische Zentralbank (EZB) stellte einen Referenzkurs von 0,8693 $ fest. Das waren 0,0039 $ mehr als am Vortag.

HB FRANKFURT/M. Am Morgen war der Kurs, der in den Tagen zuvor dramatisch eingebrochen war, unter 0,86 $ gefallen. Am späten Vormittag kletterte der Euro-Kurs kurzfristig über 0,87 $, nachdem die EZB überraschend angekündigt hatte, dass sie in den nächsten Tagen erstmals aufgelaufene Zinserträge aus Devisenreserven im Wert von 2,5 Mrd. $ verkaufen wolle. Am Nachmittag fiel der Euro auf 0,8609 $.

Die EZB, die sich auf ihrer gestrigen Ratssitzung erwartungsgemäß gegen eine weitere Zinserhöhung entschieden hatte, wollte den Euro-Ankauf nicht als klassische Intervention zur Stützung der umstrittenen Europa-Währung verstanden wissen. EZB-Präsident Wim Duisenberg räumte vor der Presse aber ein, dass die Aktion durchaus mit der anhaltenden Euro-Schwäche zu tun hat. "Unsere Motivation war es jedenfalls nicht, dem Euro zu schaden", sagte Duisenberg.

Der Zeitpunkt, jetzt aus Devisenzinseinnahmen Euro zu kaufen, sei "in Abhängigkeit vom Marktumfeld" gewählt worden. Die Bekanntgabe am Donnerstag habe technische und taktische Gründe gehabt. Es sei kein unattraktiver Preis erzielt worden, meinte der oberste Währungshüter Euro-Lands. Von der Marktreaktion sei er nicht enttäuscht. Ein Signal für künftige Interventionen seien die Euro-Käufe nicht. Sie seien vielmehr "alltägliche Praxis" nationaler Zentralbanken. Für die EZB, so räumte Duisenberg ein, sei es die erste Aktion dieser Art gewesen. Künftig werde es regelmäßig zu solchen Euro-Ankäufen kommen.

Unter Devisenmarktexperten herrschte gestern die Einschätzung vor, die EZB habe mit dieser leichteren Variante der Intervention versucht, eine Art Testballon zu starten. Die Erfolgsaussichten wurden durchweg als gering eingestuft. Nach Ansicht von Sonja Hellmann, Dresdner Bank London, sind die Voraussetzungen für einen stärkeren Euro noch nicht gegeben. Fondsmanager hielten immer noch zu viele Euro-Positionen. Deswegen könne es zu "Panikverkäufen" kommen, wenn bestimmte Kursniveaus durchbrochen würden. Aus diesem Grund habe die Dresdner Bank ihr Euro-Kursziel für das Jahr 2000 auf 0,82 $ reduziert.

Auch nach Ansicht von Alexandra Bechtel von der Commerzbank wird der Euro-Abwärtstrend unvermindert anhalten. Die EZB wisse, dass sie gegen den Trend in den Markt eingreife. Joachim Fels von der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley in London wertete demgegenüber die gestrige EZB-Entscheidung als ersten Schritt zu größeren Interventionen.

Die gestern vorgestellten ersten Schätzungen des EU-Amtes für Statistik, Eurostat, für das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal wurden von den Märkten ruhig aufgenommen. Nach Angaben von Eurostat legte die Wirtschaftsleistung um 0,9 % gegenüber dem Vorquartal zu. Gegenüber 1999 wuchs die Wirtschaft mit der Rekordrate von 3,8 %. Damit entsprachen die Eurostat-Daten den Erwartungen der Märkte. Treibende Kraft des Wachstums war im zweiten Quartal der private Verbrauch. "Die Konjunktur im Euro-Raum ruht nun auf zwei Säulen, dem Export und der Binnennachfrage", sagte Christoph Kamps vom Institut für Weltwirtschaft.



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