Talfahrt setzt sich fort
Euro auf Allzeit-Tief unter 0,87 Dollar

Die Gemeinschaftswährung für Euroland setzt ihre Talfahrt scheinbar unaufhaltsam fort.

Reuters FRANKFURT. Der Euro hat am Mittwochnachmittag nach Äußerungen einer deutschen Regierungssprecherin zur Schwäche der Gemeinschaftswährung seine Talfahrt fortgesetzt. Bis zum frühen Abend fiel die Gemeinschaftswährung zwischenzeitlich unter die Marke von 0,87 $ auf ein vorläufiges Rekordtief von 0,8690 $. Damit kostet ein Dollar umgerechnet gut 2,25 DM.

Regierungssprecherin Charima Reinhardt hatte zuvor bekräftigt, Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sehe in dem schwachen Euro keinen Anlass zur Sorge. Händler begründeten die Kursverluste mit den Aussagen Reinhardts zur unveränderten Position von Schröder und erwarteten weitere Kursrückgänge. Schröders Bemerkungen vom Monatg nannten Analysten durchweg sehr unglücklich und kaum nachvollziehbar.

Ein EZB-Sprecher wollte die Äußerungen des Kanzlers nicht kommentieren. Er verwies aber darauf, die Äußerungen von EZB-Chef Wim Duisenberg an die Bürger der Euro-Zone von Anfang Mai seien weiter gültig. Duisenberg hatte damals erklärt, er verstehe die Sorgen der Bürger über den schwachen Euro. Zudem hatte der EZB-Chef den Bürgern in der Euro-Zone versichert, der Euro werde eine stabile Währung bleiben. Zum Yen war die Gemeinschaftswährung auf ein Rekordtief von gut 92 Yen abgerutscht.

Bundeskanzler weiter sorglos

Reinhardt hatte in der Regierungspressekonferenz vor Journalisten in Berlin auf Anfrage gesagt: "Der Bundeskanzler hat bereits geäußert, dass er den Euro-Kurs nicht für Besorgnis erregend hält." An dieser am Montag geäußerten Haltung habe sich nichts geändert.

Händler machten wie bereits in den Vortagen die Äußerungen Schröders für den Kursverfall des Euro verantwortlich, denn sie widersprächen Aussagen von EZB-Ratsmitgliedern, wonach der Euro deutlich unterbewertet sei. Analysten prognostizierten, der Euro werde mittelfristig sogar unter die Marke von 86 Cents fallen und die Notwendigkeit von Stützungskäufen durch die EZB verschärfen.

Am Mittwochvormittag hatte der finnische Notenbankchef und EZB-Ratsmitglied Matti Vanhala gesagt, der schwache Euro stehe nicht in Einklang mit den Zielen der EZB zum Erhalt der Preisstabilität. Ein stärkerer Euro sei wünschenswert.

Das französische Finanzministerium wollte Schröders Aussagen nicht kommentieren und erklärte lediglich, die EU-Finanzminister würden am Freitag über den Euro beraten.

Talfahrt noch nicht beendet

Analysten erwarten, dass der Euro weiter an Wert verlieren wird. Mittelfristig sehen sie die Währung sogar Richtung der 86-Cent-Marke oder darunter fallen. Im Vorfeld des Treffens der EU-Finanzminister (Ecofin) am Wochenende in Versailles bei Paris verschärfe sich zudem der Druck auf die EZB zu Stützungskäufen für die angeschlagene Währung. "Bis es zur Intervention kommt, wird der Markt testen, wo die Schmerzgrenze der Europäischen Zentralbank (beim Euro) liegt", sagte Neil MacKinnon, Devisenstratege bei Merrill Lynch in London.

Analysten kritisierten die Haltung Schröders zum Euro scharf. "Die Äußerungen von Schröder sind sehr unglücklich. Er übersieht dabei, dass per Saldo eine schwache Währung immer zum Nachteil eines Landes ist", sagte Jürgen Pfister, Volkswirt bei der Commerzbank in Frankfurt. Ein über längerer Zeit schwacher Euro führe zu einem stärkeren Preisauftrieb mit Kaufkraftverlusten sowie niedrigeren Aktienkursen. Höhere langfristige Zinsen resultierten dann in einer strafferen Geldpolitik. "Auch die Tatsache, dass Schröder den Gewerkschaften offenbar die Beibehaltung der Ladenöffnungszeiten zugesagt hat, ist ein schlechtes Zeichen, weil dies ein Symbol für Reformstau ist."

Schröders Äußerungen unsensibel

Stefan Schneider von der Deutschen Bank Research sagte, Schröders Äußerungen zeugten "nicht gerade von einer besonderen Sensibilität gegenüber den Finanzmärkten." "Wenn ein so wichtiger Staatschef wie Schröder - und sei es auch unabsichtlich - den Eindruck vermittelt, die Reaktionsfähigkeit der Devisenmärkte zu ignorieren, sind Missverständnisse programmiert."

EU-Währungskommissar Pedro Solbes sagte, der Eurokurs spiegele nicht die Stärke der Wirtschaft in der Euro-Zone wider. Ein Kommissionssprecher zitierte Solbes mit den Worten, der derzeitige Stand reflektiere nicht die Fundamentaldaten für die Euro-Zone. Er sagte jedoch nicht, ob Solbes über die Kursentwicklung besorgt sei.

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