Taliban haben Luftraum geschlossen
Pakistan setzt Afghanistan ein Ultimatum

Pakistan wird dem afghanischen Taliban-Regime einen Angriff der USA für das kommende Wochenende ankündigen, falls der mutmaßliche Terroristenführer Osama Bin Laden nicht ausgeliefert wird. In Afghanistan hat derweil eine Massenflucht eingesetzt.

ap/dpa/rtr/HB WASHINGTON/ISLAMABAD. Dies verlautete aus Kreisen der pakistanischen Regierungsdelegation, die am Montag zu Gesprächen mit der Taliban-Führung in der südafghanischen Stadt Kandahar eingetroffen ist. Nach Angaben eines Diplomaten haben die Taliban am Montag ihren Luftraum geschlossen. In Afghanistan selbst landen derzeit zwar keine Flugzeuge mehr, das Land wird aber täglich von bis zu 110 Maschinen überflogen. Zwei Tage nach den Terroranschlägen in New York und Washington hatten auch die Vereinten Nationen und das Internationale Rote Kreuz ihre Flüge nach Afghanistan gestoppt.

Die nach Afghanistan gereiste pakistanische Delegation unter Leitung des stellvertretenden Geheimdienstchefs, Generalmajor Faiz Gilani, sollte zunächst mit dem Taliban-Außenminister Wakil Ahmed Muttawakil zusammenkommen, wie aus Kreisen der radikalislamischen Miliz verlautete. Im weiteren Verlauf des Tages war ein Treffen mit dem Taliban-Oberhaupt, Mullah Mohammed Omar, geplant. Es wird erwartet, dass die Delegation ein auf drei Tage befristetes Ultimatum zur Auslieferung bin Ladens überbringen wird. Aus pakistanischen Regierungskreisen verlautete, die Delegation werde den Taliban mitteilen, dass ein Militärschlag unvermeidlich sei, falls Bin Laden nicht ausgeliefert werde. Weiter hieß es, ein Angriff könne schon am kommenden Wochenende erfolgen.

Die USA forderten Afghanistan dazu auf, sich an der Zerschlagung des internationalen Terrorismus zu beteiligen. Außenminister Colin Powell warnte die Taliban-Führung im Sender CNN, ihr drohe der Zorn der USA, falls sie Bin Laden nicht ausliefere.

Massenflucht aus Afghanistan und Aufmarsch an der Grenze zu Pakistan

In Afghanistan haben die Kriegsdrohungen der USA nach den Anschlägen auf New York und Washington inzwischen eine Massenflucht ausgelöst. Zehntausende seien nach Pakistan und Iran unterwegs, teilte das Flüchtlingshilfswerk UNHCR am Montag mit. Das UNHCR bereitet sich auf die Versorgung Zehntausender Afghanen vor, die das Land verlassen wollen. Iran schloss seine Grenzen und will Flüchtlingslager nur auf afghanischem Gebiet zulassen. Augenzeugen berichteten, selbst Angehörige der Taliban-Regierung verließen die Hauptstadt Kabul. In der Stadt kam es zu Hamsterkäufen.

Afghanistan drohte seinerseits allen Nachbarn mit Krieg, die sich den USA anschließen sollten. Diesen Worten ließen die Taliban offenbar umgehend Taten folgen und zogen an der Grenze zu Pakistan 20 000 bis 25 000 Kämpfer zusammen, wie ein pakistanischer Offizier mitteilte. Der Informationsminister der international nicht anerkannten Taliban-Regierung, Kadratullah Dschamal, sagte zudem, alle wichtigen Einrichtungen, darunter Bunker, Militärstützpunkte und Flughäfen, seien zusätzlich befestigt worden. Grenzbeamte in Pakistan berichteten, auch die Grenzbefestigungen seien verstärkt worden. Auch Pakistan zog daraufhin Truppen in dem Gebiet am Chyber-Pass zusammen. Aus Militärkreisen im benachbarten Tadschikistan verlautete, die Taliban habe den Abschuss aller ausländischen Flugzeuge im afghanischen Luftraum angekündigt. Außerdem versuchten sie, Bin Laden im Land in Sicherheit zu bringen und zu verstecken. Die Quellen dieser Information wurden nicht preisgegeben. Der pakistanische Geheimdienst ISI soll Berichten zufolge maßgeblich an der Gründung der Taliban beteiligt gewesen sein und die Miliz mit Ausbildung und Waffen unterstützen.

USA bereiten präzisen Militärschlag vor

Indes schwört US-Präsident George W. Bush die Nation auf einen Krieg gegen den Terrorismus ein. Doch Militärexperten halten einen umfassenden Einsatz mit Bodentruppen für wenig wahrscheinlich. Sie rechnen mit kurzen, punktuellen Aktionen gegen diejenigen, die als Drahtzieher der Anschläge in den USA gelten.

Nach Einschätzung des Sicherheitsexperten Gebhard Schweigler vom National War College in Washington, einer Elite-Universität für zukünftige Generäle, planen die USA keine umfassende Militäroperation, die mit dem Golfkrieg vergleichbar wäre. "Der Schlag wird punktuell, kurz und zielgenau sein", sagte Schweigler dem Handelsblatt. Denkbar sei der Einsatz von Spezialeinheiten ("Special Forces"), die hinter den feindlichen Linien per Fallschirm abgesetzt werden. Ihr Ziel werde es sein, gegnerische Kommandozentralen auszuschalten. Sie bekämen Unterstützung aus der Luft. Insgesamt sei dies eine Aktion von höchstens ein paar Tagen. Ein größerer Einsatz mit Bodentruppen in Afghanistan ist nach Ansicht von Schweigler wenig wahrscheinlich. "An der bergigen Topographie sind schon die Sowjets 1979 und die Engländer vor mehr als 100 Jahren gescheitert."

Die Streitkräfte der Supermacht USA

Nach Informationen aus amerikanischen Militärkreisen verfügen die USA über C-130-Militärtransportjets für örtlich begrenzte Einsätze im Feindesland. Diese nähern sich in 150 bis 200 Metern Höhe gegnerischen Zielen. Sie kommen ohne Licht aus, sind vom Radarschirm nicht zu erfassen und können sogar Jeeps mit dem Fallschirm abwerfen. Die Soldaten sind mit modernster Kommunikationstechnologie und Panzerangriffswaffen ausgerüstet. Entsprechend ausgerüstete hochmobile Spezialeinheiten umfassen einige Tausend Soldaten aus allen Waffengattungen: Nach Ansicht von Schweigler ist ihr Einsatz auch im Jemen, in Algerien oder im Sudan denkbar.

Als mögliche Partner dieser Truppen kommen vor allem die Engländer in Frage, die über eine vergleichbare Logistik verfügen. Auch eine Kooperation mit den Franzosen ist nach Angaben aus Militärkreisen denkbar. Rat wollen sich die Vereinigten Staaten auch aus Israel holen, das bekanntermaßen über einige Erfahrung im Umgang mit Terroristen verfügt. Auf die Deutschen als Partner setzen die Amerikaner weniger: Die Waffensysteme seien nicht schnell genug zu synchronisieren, heißt es. Schließlich müsse für eine gemeinsame Aktion alles übereinstimmen - bis hin zur gleichen Frequenz der Sprechfunkgeräte.

Als mögliche Strategie denken die amerikanischen Militärs auch über eine punktuelle Bombardierung von Zielen mit "Cruise Missiles" nach, ähnlich wie sie beim Golfkrieg eingesetzt worden waren. Eine solche Operation könnte vom Persischen Golf aus durchgeführt werden, wo schon jetzt die Präsenz der Amerikaner stark ist: Rund 25 000 Soldaten sind zur See und an Land - unter anderem in Kuwait und Bahrain - vor Ort. Sie gehören zum Teil zum Flugzeugträger-Verband der "Carl Vinson", die auch Lenkwaffen-Kreuzer und Zerstörer mit sich führt. Die "Carl Vinson" könnte durch den Flugzeugträger-Verband der "Enterprise" verstärkt werden, der sich zurzeit noch im Indischen Ozean aufhält. Die "Enterprise" sollte ursprünglich in diesen Tagen einen Heimathafen anlaufen. Sie erhielt jedoch auf Grund der aktuellen Situation den Befehl, auf unbestimmte Zeit in der Golfregion zu bleiben. Zu den Optionen der Regierung gehört zudem die Aufhebung einer Regierungsanweisung, die dem Geheimdienst CIA die Beteiligung an Mordkomplotts untersagt.

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