Taliban kündigen Rache an
Endkampf um Kandahar - Porträt einer Stadt

Als letzte verbliebene Taliban-Bastion hat Kandahar in den vergangenen Tagen die geballte Feuerkraft amerikanischer Kampfflugzeuge zu spüren bekommen. Anti-Taliban-Milizen haben den Belagerungsring enger gezogen, die Zeichen stehen auf Entscheidungskampf. Niemand vermag zu sagen, ob sich die Taliban wie in anderen Städten ergeben, in die Berge zurückziehen, oder, wie von ihrem Führer Mullah Mohammed Omar gefordert, bis zum letzten Atemzug kämpfen werden. Fest scheint nur eins zu stehen: Mit dem Fall Kandahars wird der Krieg gegen den Terrorismus nicht enden.

ap QUETTA/PAKISTAN. "Natürlich hat Amerika die ganze Kraft, es ist eine Supermacht", sagt Taliban-Kämpfer Mahmud Ahmed Muttawakil in Quetta. "Aber am Ende werden wir unsere Rache haben. Dies ist nicht das Ende der Taliban - auf keinen Fall." Muttawakil war nach eigenen Angaben im Auftrag der Taliban von Afghanistan in die pakistanische Stadt gekommen. Einige Zeit nach dem Interview ging er, wie Freunde von ihm sagten, nach Kandahar zurück.

Der von den USA meistgesuchte mutmaßliche Terroristenführer Osama bin Laden werde den Krieg überleben, sagte Muttawakil, und die Taliban würden ihm beistehen. Sollte Kandahar fallen, werde man sich in den Bergen neu formieren "und keiner unserer Feinde wird sich jemals sicher fühlen können". Man werde einen Weg finden, sich an allen zu rächen: dem britischen Premierminister Tony Blair, UN-Generalsekretär Kofi Annan. "Und wenn es viel Zeit erfordern sollte, spielt das keine Rolle."

Die Wüstenstadt im Süden ist das geistige Zentrum, der Ausgangspunkt der Taliban-Bewegung. Ihre strenge Version eines islamischen Systems ist in vielen Teilen eher aus dem Sittenkodex der im Süden lebenden paschtunischen Stämmen denn aus dem Koran gespeist. Vor allem die harschen Verbote gegen Frauen fanden die Zustimmung der Stammesältesten.

Zunächst Hoffnungsträger für Recht und Ordnung

Der Aufstieg der Taliban Mitte der 90er Jahre war eine Folge von von Mord, Totschlag und Plünderungen, die blutige Fehden korrupter Kriegsherren begleiteten. Die Aura rigider Reinheit ließ die Taliban in den Augen vieler Afghanen als geeignetes Gegenmittel zur herrschenden Rechtlosigkeit erscheinen. Nicht zuletzt waren die dauernden Kämpfe und das Banditentum rund um Kandahar schlecht fürs Geschäft. Der Warenstrom nach Kandahar, an der Kreuzung alter Handelsrouten von Indien nach Persien gelegen, versiegte. Die Taliban machten dem Raubrittertum rund um Kandahar ein Ende, und auch wenn Reichtum und Wohlstand nicht in die Stadt zurückkehrten, gab es doch wenigstens wieder so etwas wie Ordnung.

"Wir mochten nicht alles, was sie taten, aber sie stoppten das Plündern und die Gewalt", sagte Mohammed Akram, der vor den US-Bombenangriffen aus Kandahar nach Pakistan floh. Inzwischen berichten Flüchtlinge von einer zunehmend feindseligen Atmosphäre in der Stadt.

Wie weit die Spannungen zwischen afghanischen Kämpfern, die sich in anderen Städten ihren Gegnern ergaben, und dem "harten Kern" zum Äußersten entschlossener Mitglieder von Bin Ladens El-Kaida-Netzwerk gehen, kann niemand einschätzen. Und auch, wer der Stadt entrann, darf nicht darüber reden: "Sie sind sehr, sehr wütend jetzt, die Taliban", begann ein 22-jähriger Flüchtling nach der Ankunft in Quetta zu erzählen. Plötzlich tauchte ein Mann im schwarzen Turban, einem Erkennungszeichen der Taliban, an seiner Seite auf. "Hör auf, so zu reden", herrschte er den jungen Mann an. Der sagte kein Wort mehr.

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