Taliban: Raketen verfehlten Ziele
Hunderte Explosionen in Kabul

Die USA haben ihre Luftangriffe auf Afghanistan ausgeweitet. Pakistanische Medien bezeichneten die Angriffe in der Nacht zum Donnerstag als die schwersten seit Beginn der Militäraktion. Allein in Kabul seien Hunderte Explosionen zu hören gewesen.

dpa/rtr/apg/afp ISLAMABAD/WASHINGTON . Unaufhörlich habe die Armee die afghanische Hauptstadt und weitere Städte mit Kampfflugzeugen und Marschflugkörpern angegriffen, hieß es. Auch eine Militärakademie der Taliban sei getroffen worden. Die Luftabwehr der Taliban habe zurückgeschossen, offenbar aber ihre Ziele verfehlt, meldete das staatliche pakistanische Fernsehen. Angriffe wurden erneut auch auf die Taliban-Hochburg Kandahar sowie eine Militärbasis im Osten Afghanistans geflogen.

Über Kabul lag am Morgen dichter Rauch. Zwei Bomben seien nahe des Kabuler Flughafen eingeschlagen. Ein Lager für Schmierstoffe ging in Flammen auf. "Dies ist die schlimmste Nacht, die wir bisher hatten", sagte ein Einwohner. "Es gab keine Möglichkeit zu schlafen. Ich kann gar nicht sagen, wie verängstigt die Menschen sind. Es ist schrecklich." Bomben und Raketen schlugen in Zielen um die ganze Stadt herum ein, darunter auch im Regierungsviertel.

Nach Darstellung der Taliban dagegen haben die Luftangriffe ihre Ziele weitgehend verfehlt. Die meisten der etwa 20 abgefeuerten Raketen seien in umliegende Berge eingeschlagen, sagte ein Sprecher des "Verteidigungsministeriums" der herrschenden Taliban. Eines der Geschosse habe eine Elendssiedlung in der Nähe des Kabuler Flughafens getroffen.

Nach US-Angaben auch Anführer der Taliban-Miliz bei Angriffen getötet

Auch Kandahar, die zweitgrößte Stadt des Landes, erlebte in der Nacht die bislang schwersten Angriffe. Mindestens 30 Explosionen seien registriert worden, berichtete der US-Nachrichtensender CNN unter Berufung auf einen Taliban-Sprecher. Vermutlich seien die Detonationen auf Marschflugkörper zurückzuführen, da vor den Angriffen keine Militärjets zu hören gewesen seien. Ob auch lasergesteuerte Waffen zum Einsatz kamen, teilte die US-Regierung nicht mit.

Seit Sonntag wurden nach Angaben der radikal-islamischen Taliban-Regierung landesweit bislang mindestens 76 Zivilisten getötet und mehr als 100 verletzt. Zwei Männer aus der Familie Omars seien zu Beginn der Angriffe getötet worden, teilte ein ranghoher US-Regierungsbeamter unter Berufung auf Geheimdienstinformationen mit. Über die genaue Identität der Toten wollte er zunächst nichts sagen. Auch mehrere Anführer der radikalislamischen Taliban-Miliz wurden US-Angaben zufolge bei den Angriffen getötet. Omar selbst war bei der Bombardierung seines Hauses in Kandahar am Dienstag unversehrt geblieben, wie das Pentagon mitteilte. Die Taliban bestätigten, dass Omar die Angriffe überlebt habe.

Es habe viele Opfer in Dschalalabad, der Taliban-Hochburg Kandahar und der Hauptstadt Kabul gegeben, sagte Bildungs-"Minister" Amir Khan Mutaki am Donnerstag. In der Nähe von Kabul seien zehn Mitglieder derselben Familie ums Leben gekommen, als ihr Haus von einer Rakete getroffen wurde, darunter Frauen und Kinder. In Sorkhrod bei Dschalalabad wurde den Angaben zufolge eine Moschee zerstört.

US-Drohne über dem Irak abgestürzt

Wie CNN weiter berichtete, kamen bei den Angriffen auch die schwersten konventionellen Bomben im Waffenarsenal der US-Luftwaffe zum Einsatz. Ein B-52-Tarnkappenbomber habe einen so genannten "Bunker Buster" abgeworfen, eine Bombe mit sehr hoher Sprengkraft, die speziell zur Zerstörung von Bunkern entwickelt wurde. Der Einsatz dieser Waffe habe die Taliban-Kämpfer demoralisieren sollen, sagte ein Pentagon-Sprecher dem Sender. Bei den Angriffen am Mittochabend waren erstmals seit Beginn der Angriffe auf Afghanistan die fast zweieinhalb Tonnen schwere Bomben mit großer Durchschlagskraft auf mutmaßliche unterirdische Bunker und gepanzerte Kommandozentralen der Taliban abgefeuert worden. Wie ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Washington am Mittwoch (Ortszeit) mitteilte, wurde eine erste lasergesteuerte Bombe vom Typ GBU-28 am Dienstag abgeschossen. Weitere sollten in der Nacht zum Donnerstag eingesetzt werden. Die GBU-28 war ursprünglich für den Golfkrieg entwickelt und 1991 auf unterirdische Bunker in Irak abgefeuert worden. Ob die nun in Afghanistan abgefeuerte Anti-Bunker-Bombe eine Taliban-Kommandozentrale traf, wollte der Pentagonsprecher zunächst nicht sagen.

Derweil haben die USA nach eigenen Angaben zum dritten Mal in drei Monaten über Irak ein unbemanntes Aufklärungsflugzeug verloren. Das US-Zentralkommando in Tampa im Bundesstaat Florida teilte am Mittwoch mit, die Drohne vom Typ RQ-1B sei verschwunden. Ob sie abgestürzt oder von der irakischen Luftabwehr abgeschossen worden sei, sei nicht bekannt. Das staatliche irakische Fernsehen hatte zuvor berichtet, die Luftverteidigung im Süden des Landes habe gegen 11.42 MESZ ein Spionageflugzeug abgeschossen. Der Sender zeigte Bilder von Trümmern, auf den die Abkürzung der US-Luftwaffe USAF und der Herstellername Sierra Monolithics zu sehen war.

Talibanführer fordert Moslems zur Unterstützung Afghanistans auf

Taliban-Führer Omar rief unterdessen in seiner ersten öffentlichen Äußerung seit Beginn der Luftangriffe Moslems in aller Welt zur Unterstützung Afghanistans im Kampf gegen die USA auf. In einer Botschaft Mullah Mohammed Omars, die die britische BBC und der Sender Voice of America auf ihren Webseiten veröffentlichten, hieß es, die US-Streitkräfte seien zwar stark aber nicht unbesiegbar. Jeder gläubige Moslem sollte entschlossen gegen die "egoistische Macht" handeln. Wie die Aufnahmen zu den Sendern gelangten, war zunächst unklar.

Die oppositionelle Nordallianz vermeldete am Donnerstag die Eroberung der Provinz Gur. Sprecher Mohammed Abil sagte am Telefon, die Nordallianz habe Gur inklusive der Provinzhauptstadt kurz nach Mitternacht eingenommen. Heftige Kämpfe hätten bis in die Morgenstunden in mehreren Provinzen angedauert, so Abil. Außerdem habe man mehrere Taliban-Kämpfer gefangen genommen. Von Seiten der Taliban gab es dazu zunächst keine Stellungnahme.

Kuwait will El-Kaida-Sprecher Staatsangehörigkeit entziehen

Unterdessen will Kuwait offenbar dem Sprecher der Terror-Organisation El-Kaida, Suleiman Abu Gheith, die Staatsangehörigkeit entziehen. Das berichtete der in Katar ansässige arabischen TV- Sender Al-Dschasira am Mittwoch. Eine offizielle Entscheidung werde am Sonntag nach einer Sitzung des kuwaitischen Kabinetts erwartet, hieß es. Weitere Details wurden zunächst nicht mitgeteilt.

Der El-Kaida-Sprecher hatte den USA in einer in der Nacht zum Mittwoch ausgestrahlten Video-Erklärung mit neuen Anschlägen gedroht. "Amerika soll wissen, dass der Sturm der Flugzeuge nicht aufhören wird", sagte Abu Gheith. Zuvor hatte er die Anschläge vom 11. September in New York und Washington als "gute Tat" bezeichnet.

Experten untersuchen bin-Laden-Video auf geheime Botschaften

US-Geheimdienst-Experten schließen indes nicht aus, dass das am Sonntag nach Beginn der amerikanischen Angriffe auf Afghanistan Fernsehen ausgestrahlte Interview des Extremisten Osama bin Laden versteckte geheime Botschaften an dessen Handlanger enthielt. So könnte bereits die offenbar im voraus angefertigte Videoaufzeichnung für Mitglieder seiner Organisation El Kaida das Signal gewesen sein, weitere lange vorher geplante Terrorschläge gegen die USA zu verüben, erklärten amerikanische Terrorismus-Experten am Mittwoch. Ein US-Regierungsvertreter sagte, seit den Flugzeug-Anschlägen von New York und Washington am 11. September seien bereits vier Pläne für Bombenanschläge auf US-Botschaften erfolgreich von den US-Sicherheitsdiensten durchkreuzt worden.

In der iranischen Hauptstadt Teheran demonstrierten am Donnerstag Hunderte vor der UN-Vertretung gegen die US-Angriffe auf Afghanistan. Nach UN-Angaben beteten sie bei einem Sitzstreik vor dem Gebäude für eine Ende des Krieges im Nachbarland. Außerdem wurde für Freitag zu einer Demonstration gegen die US-Militärschläge aufgerufen.

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