Taliban-Regime in Afghanistan am Ende
Nordallianz zieht in Kabul ein

Unter dem Jubel der Bevölkerung ist die afghanische Nordallianz am vierten Tag ihrer Offensive gegen die radikal-islamische Taliban-Bewegung in die Hauptstadt Kabul einmarschiert. Zugleich setzte sie am Dienstag ihren Vormarsch im Süden, Westen und Osten Afghanistans fort und kündigte einen baldigen Fall der Taliban-Hochburg Kandahar an.

Reuters KABUL. Angesichts des Siegeszuges warnten die Vereinten Nationen (UNO) vor Menschenrechtsverletzungen und Racheakten an der Zivilbevölkerung. Großbritannien und Frankreich mahnten wie der afghanische Ex-König Mohammed Sahir Schah eine politische Lösung für das Land an.

Trotz Forderungen der USA, eine politische Lösung abzuwarten, zogen die politischen Repräsentanten der Nordallianz am Vormittag in Kabul ein, begleitet von Hunderten von Kämpfern und Militärpolizei. Verteidigungsminister Mohammad Fahim und Außenminister Abdullah Abdullah seien in einem Geländewagen eingetroffen, berichteten Augenzeugen. Die Soldaten führten Granatwerfer und Sturmgewehre mit.

Die heute in der Nordallianz verbündeten Gruppen waren vor fünf Jahren von den Taliban aus der Stadt vertrieben worden, gemeinsam mit der damaligen Regierung, die international anerkannt blieb. Anfang der 90er Jahre hatten die heute Verbündeten in der Stadt gegeneinander gekämpft. Dabei war es zu zahlreichen Übergriffen auf die mehrheitlich paschtunische Bevölkerung gekommen. Die Paschtunen unterstützten die Taliban und sind in der Nordallianz kaum vertreten.

UNO-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson sagte, es habe jedes Mal "schreckliche Massaker an Zivilisten, Vergewaltigungen von Frauen und Racheakte der Zerstörung" gegeben, wenn in Afghanistan Gebiete an neue Herrscher gefallen seien. Sie forderte die USA und Großbritannien als militärisch Verbündete der Nordallianz auf, für die Sicherheit der Menschen in den eroberten Städten zu sorgen. UNO-Vertreter hatten berichtet, in der am Freitag eroberten Stadt Masar-i-Scharif hätten Soldaten der Allianz Menschen hingerichtet und Häuser geplündert.

Chirac sagte, es gäbe nichts Schlimmeres als eine Übergangszeit ohne Stabilität in Kabul. Die pakistanische Regierung forderte die Vermittlung der Vereinten Nationen. Die internationale Gemeinschaft müsse sich schnell um eine Übergangsregierung auf breiter Basis bemühen, sagte der britische Innenminister David Blunkett in London. Auch der afghanische Ex-König Mohammed Sahir Schah mahnte die Übergangsregierung an, wie sie von ihm mit der Nordallianz für die Zeit nach dem Sturz der Taliban vereinbart worden war. Die Vorbereitungen dafür waren jedoch bereits vor Beginn der Offensive der Allianz am Freitag ins Stocken geraten.

Zahlreiche Kabuler gingen den Kämpfern der Nordallianz bis an den Stadtrand entgegen und umringten jubelnd deren Transportfahrzeuge. "Nieder mit den Taliban" und "Willkommen Nordallianz", riefen einige Einwohner. Manche rasierten sich, zeigten sich in Jeans und beschallten die Straße mit Musik. Dies alles war von den Taliban aus religiösen Gründen verboten worden. Andere schienen verwirrt und nervös zu sein.

Die Taliban hatten Kabul offenbar im Schutz der Nacht geräumt. Auf ihrer Flucht Richtung Kandahar nahmen sie eigenen Angaben zufolge auch die acht inhaftierten Mitarbeiter der Organisation Shelter Now mit, darunter vier Deutsche. Die Entwicklungshelfer sind von den Taliban wegen christlicher Missionierung angeklagt.

Auf dem Militärflughafen Bagram nahe der afghanischen Hauptstadt Kabul trafen amerikanische Spezialeinheiten per Hubschrauber ein. Von sechs Elitesoldaten flogen vier wieder ab und ließen ihre beiden Kameraden und Ausrüstung zurück. Die Amerikaner waren in zivil, trugen aber Sturmgewehre des Typs M-16. Es wird angenommen, dass US-Spezialeinheiten die Offensive der Allianz koordiniert haben.

Die Nordallianz meldete zudem die Eroberung des Flughafens von Kandahar im Süden. Dies hätten Chefs mehrerer Stämme bestätigt, sagte ein Sprecher. Die Situation der Taliban verschlechtere sich zunehmend. Kandahar werde bald fallen, kündigte er in Quetta an, einer pakistanischen Grenzstadt südlich Afghanistans an, wo sich die Anführer mehrerer Stämme versammelt haben.

Ein Truppenführer der Allianz meldete die Eroberung der gesamten Provinz Nimrus an der Grenze zum Iran. Die Nachrichtenagentur AIP meldete Erfolge der Allianz auf dem Marsch nach Dschalalabad östlich von Kabul. Mehrere Lager des moslemischen Extremisten Osama bin Laden sollen sich in unmittelbarer Nähe der Stadt befinden.

Die USA machen bin Laden für die Anschläge am 11. September in New York und Washington verantwortlich. Seit Anfang Oktober verfolgen sie bin Ladens Organisation El Kaida und greifen die Taliban an, die ihnen Schutz gewähren. Der Offensive der Nordallianz waren mehrtägige Bombardierungen der Taliban-Frontstellungen durch US-Kampfflugzeuge vorausgegangen.

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