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Taliban sollen US-Bürger festhalten

In Nordafghanistan haben Truppen der regierenden Taliban angeblich die erste gemeinsame Offensive der USA und der Anti-Taliban-Allianz zurückgeschlagen.

rtr KABUL. Das Informationsministerium teilte am Donnerstag in Kabul mit, die Taliban hätten ihre Stellungen gehalten. Ein Rebellen- Sprecher sagte indes, es habe in der Nacht zwar heftigeren Artilleriebeschuss, aber keine Großoffensive gegeben. Die moslemischen Länder Indonesien und Malaysia forderten ein Ende der Bombardements, zumindest im Fastenmonat Ramadan. Die ebenfalls moslemische Türkei kündigte die Entsendung von 90 Elitesoldaten nach Afghanistan an. Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping hat sich für eine eingeschränkte Fortsetzung der Angriffe im Ramadan ausgesprochen.

Der Sprecher des Taliban-Informationsministeriums sagte, die gegnerische Nordallianz habe in der Nacht mit Luftunterstützung der USA drei massive Angriffe südlich von Masar-i-Scharif in der Provinz Samangan gestartet. "Sie haben nichts erreicht, und wir haben unsere Stellungen gehalten", fügte er hinzu. Bei der Nordallianz, die in Samangan von dem Usbeken-General Abdul Raschid Dostum befehligt wird, hieß es, die Infanterie habe gar nicht angegriffen. Der Angriff werde erst in zwei bis drei Tagen kommen. "Vergangene Nacht gab es nur ein Artillerie-Duell", sagte ein Sprecher an der Front am Telefon. Dostum bemüht sich im äußersten Norden an der Grenze zu Usbekistan um die Rückeroberung der strategisch wichtigen Stadt Masar-i-Scharif.

Dem Taliban-Sprecher zufolge wurde bei US-Angriffen im Südwesten des Landes das Wasserkraftwerk am Kadschaki-Damm in der Provinz Helmand getroffen, das Kandahar mit Strom versorgte. Das 33-Megawatt-Kraftwerk sei zerstört, der Staudamm nicht.

Von Pakistan aus marschierten am Donnerstag Hunderte Mudschahedin nach Afghanistan, um den Taliban in deren Heiligen Krieg beizustehen. Schon tagelang kampierten Tausende vor der Grenze, zusammengerufen von einer radikal-islamischen Partei in Pakistan. Vor einigen Tagen noch hatten die Taliban erklärt, die Mudschahedin sollten in Pakistan bleiben, denn sie hätten genug eigene Kämpfer. Inzwischen erlaubten sie ihnen jedoch, ins Land zu kommen, wie der Taliban-Botschafter in Pakistan mitteilte.

Der katarischen Fernsehsender El Dschasira veröffentlichte am Donnerstag zudem einen Brief, der von Bin Laden stammen soll und in dem dieser die pakistanischen Moslems aufruft, den Islam gegen den "Kreuzzug der Christen" zu verteidigen. Der Regierung Pakistans wird in dem Brief vorgeworfen, mit den Christen zu kollaborieren und sich "unter deren Banner zu stellen". Der Brief wurde von einem Nachrichtensprecher des Senders verlesen.

Als Vertreterin des bevölkerungsreichsten Moslem-Staates rief Indonesiens Präsidentin Megawati Sukarnoputri zu einem Waffenstillstand in Afghanistan während der bevorstehenden Ramadan- und Weihnachtsfeste auf. Eine langwierige Militäraktion sei nicht nur kontraproduktiv, sondern "kann auch die gemeinsamen Anstrengungen der globalen Koalition schwächen, den Terrorismus zu bekämpfen", sagte sie vor der Beratenden Volksversammlung. Malaysias Ministerpräsident Mohamad Mahathir sagte der BBC, der Widerstand gegen die Bombardierungen wachse. Die Angriffe auf Afghanistan seien nicht geeignet, den Terrorismus zu beseitigen.

Die türkische Regierung beschloss hingegen, die USA bei ihrer Militäraktion gegen Afghanistan mit einer Sondereinheit von rund 90 Elitesoldaten zu unterstützen. Ministerpräsident Bülent Ecevit sagte in Ankara vor Journalisten, der Beitrag der Türkei für die Operation "Enduring Freedom" sei im Kabinett entschieden und vom Präsidenten gebilligt worden.

Scharping sagte im Deutschlandfunk, eine Feuerpause im Ramadan sei kontraproduktiv, wenn sie dazu führe, dass sich die Taliban oder die El-Kaida-Organisation des Extremisten Osama bin Laden neu strukturieren könnten. Zwar sollte versucht werden, auf bestimmte kulturelle Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Der Ramadan sei aber in der Vergangenheit gerade in islamischen Staaten "ein durchaus beliebter Kriegsmonat" gewesen.

Der britische Premierminister Blair, der auf einer Nahostreise um Unterstützung für die von den USA geformte Allianz gegen den Terror wirbt, sagte nach Gesprächen in Jordanien und Saudi-Arabien, er habe in beiden Ländern klare Aussagen gefunden, dass "sich moderate Moslems gegen islamische Extremisten, die den Islam als Geisel genommen haben, stellen müssen".

Die Taliban halten nach Aussage ihre Botschafters in Islamabad mehrere US-Bürger fest. Botschafter Abdul Salam Saeef sagte auf einer Pressekonferenz in Islamabad: "Wir haben einige amerikanische Bürger bei uns. Sie wurden verhaftet." Ihre Identität sei noch nicht bekannt. Eine Untersuchung sei eingeleitet worden. Weitere Angaben machte Saeef nicht. Medienberichten zufolge waren Amerikaner in Afghanistan gefasst worden, die gemeinsam mit Rebellenkommandeur Abdul Hak in der vergangenen Woche von Pakistan aus eingesickert waren. Hak, der einen Aufstand gegen die Taliban im Süden Afghanistans organisieren wollte, wurde gestellt und erschossen.

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