Taliban sprechen von strategischem Rückzug
Nordallianz rückt näher an Kabul heran

Die Anti-Taliban-Allianz hat am Montag weitere afghanische Städte im Sturm erobert und ihre Offensive auf Kabul fortgesetzt. Nach Informationen des iranischen Rundfunks nahm die Nordallianz im Westen die Stadt Herat und im Nordosten die Stadt Kundus ein. Die Taliban bestritten den Fall von Herat.

Reuters BAGRAM. Vor Kabul zog die Nordallianz Truppen und schwere Waffen zusammen und begann den Sturm auf die Hauptstadt. Seit Beginn der Offensive am Freitag hätten die Taliban, die 90 % des Landes kontrollierten, 40 % verloren, teilte die Nordallianz mit. Die USA haben die Offensive mit Luftangriffen vorbereitet.

Die Nordallianz begann ihre Offensive, nachdem die US-Streitkräfte gut 30 Tage lang die Stellungen der Taliban bombardiert hatten. Dies hat offenbar den Widerstand der Taliban entscheidendgeschwächt; die von ihnen gehaltenen Städte fielen wie Dominosteine.

"Wir haben (vor Kabul) drei oder vier Taliban-Posten erobert", sagte ein Kommandeur der Allianz. An einer Stelle seien sie fünf Kilometer vorgerückt. Die Taliban-Stellungen waren zuvor von US-Flugzeugen bombardiert worden. Kampfflugzeuge schossen auch auf Lastwagen, mit denen sich Taliban-Kämpfer zurückzogen, wie ein Reuters-Kameramann berichtete. In einer Ortschaft oberhalb des Militärflughafens Bagram hätten sich 1300 Taliban-Soldaten ergeben, sagte ein Leibwächter des Generals Baba Dschan. "Wir kommen voran und haben die ersten beiden Linien der Schützengräben genommen", sagte er.

Der Flughafen Bagram war bereits in der Hand der Nordallianz. Er lag aber in Reichweite der Taliban-Geschütze und konnte daher nicht genutzt werden. Der Flughafen hätte für die Verlegung von US-Truppen große Bedeutung. Die USA haben die Allianz aufgefordert, nicht in Kabul einzurücken, bevor eine Übergangsregierung eingesetzt ist, die alle Volksgruppen repräsentiert. In der Nordallianz ist das Mehrheitsvolk der Paschtunen kaum vertreten. Als die heute in der Allianz vereinigten Gruppen Anfang der 90er Jahre im Land regierten, gingen sie brutal gegen die Paschtunen vor.

Der iranische Rundfunk und die Nachrichtenagentur IRNA berichteten am Montag, die Taliban hätten in Herat und Kundus, ihren letzten Bastionen im Norden, viele Leute durch Tod und Gefangenschaft verloren. "Vor einigen Augenblicken ist diese Stadt vollständig gefallen", berichtete ein iranischer Rundfunkkorrespondent aus Herat. Die Taliban erklärten indes, einige Kämpfer der Opposition seien nach Herat eingedrungen und hätten versucht, einen Putsch gegen die Taliban anzuzetteln. Dies sei aber misslungen. Unabhängige Informationen aus Herat lagen zunächst nicht vor.

Im Nordosten, so berichtete die iranische Nachrichtenagentur IRNA wenig später, sei Kundus gefallen und damit der Weg nach Tadschikistan frei. Dort liegen russische Waffen für die Nordallianz bereit.

Bei Dascht E-Kualeh an der Grenze zu Tadschikistan kamen am Montag zwei französische und ein deutscher Journalist ums Leben. Sie saßen auf einem Schützenpanzer, der unter Beschuss geriet, wie ein Sprecher des Magazins "Stern" sagte. Einer ihrer Kollegen, ein Australier berichtete, die Gruppe sei zu angeblich verlassenen Schützengräben der Taliban unterwegs gewesen.

Die Vereinigte Front hatte ihren Vormarsch am Freitag mit der Einnahme von Masar-i-Scharif begonnen. Das machte den Weg nach Usbekistan frei, wo US-Truppen stehen. Von dort aus führt auch eine Straße südwärts über den Hindukusch nach Kabul, über die nun vor dem Winter nicht nur militärischer Nachschub rollen könnte, sondern auch humanitäre Hilfe.

Das UNO-Welternährungsprogramm (WFP) kündigte an, es werde von Usbekistan aus am Dienstag die ersten Hilfslieferungen nach Afghanistan bringen. Sie würden mit Booten über den Grenzfluss Amu Darja gebracht, sagte WFP-Sprecher Michael Huggins in Termes. Internationale Hilfsorganisationen haben in den Nachbarländern Afghanistans Lebensmittel, Decken, Medikamente und andere Hilfsgüter eingelagert. Die Zeit drängt, der Winter wird bald die meisten Wege im Bergland unpassierbar machen.

Nach den Erfolgen der Anti-Taliban-Allianz im Norden hoffen die oppositionellen Kräfte in den südlichen und zentralen Provinzen auf einen schnellen Sturz der Taliban. Ihr Vertreter Hamid Karsai berichtete aus der Provinz Urusgan, die Erfolge im Norden hätten die Lage erleichtert. In Zentralafghanistan und im Süden, wo vor allem Paschtunen leben, seien keine Militäraktionen gegen die Taliban geplant. "Ich hoffe, wir können das ohne Krieg lösen", sagte er per Satelliten-Telefon.

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