Taliban verstärken Grenztruppen
Nordallianz rechnet stündlich mit US-Militärschlag

Die USA haben am Wochenende den Druck auf das afghanische Taliban-Regime weiter verstärkt. "Die Zeit läuft ab", sagte US-Präsident George W. Bush in seiner wöchentlichen Radioansprache. Das Weiße Haus lehnte ein neues Verhandlungsangebot der Taliban ab, das diesmal mit dem Angebot verbunden war, die acht inhaftierten Mitarbeiter der Hilfsorganisation Shelter Now freizulassen. Unter ihnen sind auch vier Deutsche. US-Angriffe auf die Taliban in Afghanistan könnten nach Einschätzung der dortigen oppositionellen Nordallianz möglicherweise bereits in einigen Stunden erfolgen.

ap/rtr/afp/dpa WASHINGTON/KABUL/ISLAMABAD/ DSCHABAL-US-SARADSCH. Der Außenminister der Nordallianz, Abdullah Abdullah, sagte am Sonntagmittag in Dschabal-us-Saradsch, er glaube, dass die Angriffe der USA und ihrer Verbündeten "sehr bald" stattfänden. Auf die Frage, ob es sich nur noch um Stunden handele, sagte er: "Wie viel Uhr ist es jetzt?" Und weiter: "Sicherlich ist es keine Frage von Wochen. Ich sage nicht bald, sondern sehr bald." Die Nordallianz kämpft seit Jahren gegen die radikal-islamischen Taliban und kontrolliert zwischen fünf und zehn Prozent des Landes.

Nordallianz hat Anweisung, ihren Luftraum zu schließen

Weiter sagte Abdullah vor Journalisten, die Nordallianz sei angewiesen worden, ihren Luftraum zu schließen. Die USA hätten die Nordallianz aufgefordert, in dem von ihr kontrollierten Gebiet nicht zu fliegen. Die Nordallianz habe darauf ihren Luftraum geschlossen. Abdullah forderte zudem die Einwohner der afghanischen Hauptstadt Kabul auf, sich von Militärstützpunkten fern zu halten. "Bleibt von jedem Militärstützpunkt weg, es gibt nicht genügend Schutz für die Menschen in Kabul."

Während die USA ihre militärischen Vorbereitungen fortsetzten, bereitet sich auch die Taliban-Führung auf einen Angriff an der Grenze zu Usbekistan im Norden Afghanistans vor. Im Grenzgebiet zu Usbekistan wurden die Truppen weiter verstärkt: Mehrere tausend Soldaten wurden dort stationiert, verlautete aus dem Verteidigungsministerium der Taliban. Die afghanische Nachrichtenagentur AIP sprach von 8 000 Kämpfern. Auch sollen schwere Artillerie und Raketenwerfer in das nördliche Grenzgebiet gebracht worden sein, wie die russische Nachrichtenagentur Interfax meldete. Mehr als zehn Geschütze sollen in Reichweite der usbekischen Grenzstadt Termes stationiert worden sein. "Wir haben unsere Streitkräfte an alle wichtigen Punkte verlegt, ... wir werden uns nie den Amerikanern beugen und bis zum Letzten kämpfen", sagte ein Taliban-Sprecher AIP zufolge.

Ersten 1 000 US-Soldaten in Usbekistan eingetroffen

Usbekistan hat den USA Unterstützung zugesagt. Der US-Rundfunk "Voice of America" berichtete, mindestens drei US-Militärflugzeuge mit den ersten Einheiten von vermutlich insgesamt 1 000 US-Soldaten seien in Süd-Usbekistan gelandet. Die Flugabwehr der Taliban feuerte indes am Samstag auf ein Flugzeug über der Hauptstadt Kabul, bei dem es sich offenbar um ein Aufklärungsflugzeug handelte. Die Maschine setzte ihren Flug in großer Höhe fort.

Neun Tage nach ihrer Festnahme wurde indes am Sonntag eine britische Journalistin freigelassen. Die 43-Jährige Yvonne Ridley war zusammen mit zwei afghanischen Führern südlich von Dschalalabad verhaftet und unter Spionageverdacht festgehalten worden. Die Taliban boten am Samstag an, auch die Shelter-Now-Mitarbeiter freizulassen, falls die USA ihre Drohung mit einer Militäraktion fallen lassen und Verhandlungen aufnehmen. Außerdem erklärten die Taliban, sie hätten nach wie vor keine Beweise dafür, dass Osama bin Laden für die Terroranschläge in den USA verantwortlich sei.

Die USA haben auch das jüngste Angebot der afghanischen Taliban abgelehnt, Osama bin Laden bei "klarer Beweislage" festzusetzen und ihm den Prozess nach islamischem Recht zu machen. Es bleibe beim Nein zu Verhandlungen und bei den bisherigen Forderungen, den mutmaßlichen Terroristenchef und dessen Gefolgsleute auszuliefern, verlautete am Sonntag aus dem Weißen Haus.

Blair: Vorbereitungen für Militärschlag abgeschlossen

Nach einer Reise nach Pakistan und Indien sagte der britische Premierminister Tony Blair am Samstag, die Vorbereitungen für einen Militärschlag gegen die radikal-islamische Taliban-Regierung seien abgeschlossen. Der Zeitpunkt für einen solchen Einsatz sei allerdings eine Sache, die mit den engsten Bündnispartnern besprochen werden müsse, sagte Blair. Es zeichne sich inzwischen eine weit gespannte internationale Allianz gegen den Terrorismus ab, erklärte Blair. "Die Dinge kommen an ihren Platz", sagte der Regierungschef dem britischen Sender Sky Television. Mehr als 300 Militärflugzeuge und mit Marschflugkörpern und Spezialeinheiten ausgerüstete Schiffe sowie etwa 30 000 Soldaten sind entsandt worden. Die USA und Großbritannien haben in der Region um Afghanistan die größte Streitmacht seit dem Golfkrieg 1991 zusammengezogen.

6 000 Menschen demonstrieren in Pakistan gegen USA

Rund 6 000 Pakistaner haben am Sonntag erneut gegen die USA und deren Unterstützung durch die pakistanische Regierung demonstriert. Auf ihrem Weg durch die Innenstadt von Multan im Zentrum des Landes skandierte die Menge Parolen wie "Tod Amerika" und "Lang leben die Taliban". Die Demonstration war von der radikalislamischen Partei Jamiat-Ulema-e-Islam (JUI) organisiert worden. Die Behörden hatten zuvor offenbar versucht, den Marsch durch Hausarrest für den Parteivorsitzenden zu verhindern. Nach Angaben eines Parteisprechers umstellte die Polizei wenige Stunden vor der Demonstration das Haus des Parteichefs Maulana Fazlur Rahman in der Provinz Punjab. Rahman hatte bereits mehrere Protestaktionen gegen die USA angeführt.

Auf einer Demonstration von etwa 5 000 Menschen hatte Rahman am Samstag in Peshawar dazu aufgerufen, "jedes US-Militärflugzeug zu zerstören", das auf pakistanischen Boden lande. Die Demonstranten trugen Plakate mit Losungen wie "Tod für Amerika", "Osama, wir sind mit dir" und "Wir sind bereit für den Heiligen Krieg".

Bin Laden bedient sich derweil in Afghanistan nach Angaben eines prominenten Taliban-Gegners mehrerer Doppelgänger. Damit wolle er westliche Geheimdienste in die Irre führen, sagte Achmed Wali Massud, der afghanische Geschäftsträger in London, der arabischen Zeitung "Aschark el-Awsat" (Sonntagsausgabe). Der Bruder des vor einem Monat mutmaßlich von Bin-Laden-Komplizen ermordeten Militärchefs der gegen die Taliban kämpfenden Nordallianz, Achmed Schah Massud, sagte dem Blatt, neuesten ihm vorliegenden Informationen befinde sich Bin Laden in der ostafghanischen Stadt Dschalalabad. Seine insgesamt vier Doppelgänger hielten sich offenbar an vier verschiedenen Orten auf.

US-Behörden verfolgen Finanzspur der Attentäter

Die US-Ermittlungsbehörden haben derweil einem Zeitungsbericht zufolge finanzielle Verbindungen zwischen der El Kaida-Organisation von Osama bin Laden und den 19 mutmaßlichen Attentätern der Anschläge in den USA vom 11. September festgestellt. Wie die "Washington Post" am Sonntag berichtete, schickte einer der mutmaßlichen Attentäter, Mohamed Atta, einige Tage vor den Anschlägen Tausende von Dollar an den Finanzchef der El Kaida, Mustafa Muhammad Ahmed. Das Geld sei zum Teil mit dem US-Kurierdienst Federal Express nach Dubai gesandt worden. Die US-Bundespolizei FBI hat der Zeitung zufolge eine Videoaufnahme von einem Mann, der das Paket in Dubai abholte.

Die Anschläge seien eine gut finanzierte Operation gewesen, deswegen seien die Finanzen der wirkliche Schlüssel, hieß es der Zeitung zufolge in Ermittlungskreisen. Das sei ein weitaus besserer Beleg für die Bewegungen der Verantwortlichen als alles andere. Damit könne eine solidere Spur verfolgt werden, hieß es weiter.

Die Finanzierung der Anschläge begann der Zeitung zufolge vor etwa einem Jahr mit einer Einzahlung von 100 000 Dollar auf ein US-Konto. Die Spur dieses Geldes führe in die Vereinigten Arabischen Emirate. Vermutlich könnte Ahmed die Überweisung getätigt haben, verlautete dem Bericht zufolge aus Ermittlungskreisen. Im Laufe des Jahres seien weitere Überweisungen vorgenommen worden bis eine Summe von mindestens 500 000 Dollar erreicht worden sei, berichtete die Zeitung weiter. Die US-Behörden hätten zudem verdächtige Einzahlungen für Atta nach Hamburg verfolgen können, wo Atta einige Jahre als Student gelebt hatte.

Flugzeugentführer offenbar in Afghanistan ausgebildet

Aus amerikanischen Ermittlungskreisen hieß es unterdessen, es gebe Beweise für eine Schulung der mutmaßlichen Flugzeugentführer in afghanischen Ausbildungslagern Bin Ladens. Mohamed Atta und einige seiner Komplizen seien in den Jahren 1999 oder 2000 in Bin Ladens Lagern ausgebildet worden, hieß es in Washington. Die späteren Attentäter hätten aufwendige Bemühungen unternommen, um die Reisen und Aufenthalte zu verschleiern.

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