Talsohle noch nicht erreicht
Magere Zeiten für Handy-Hersteller

Die Handy-Branche stellt sich weltweit offenbar auf eine längere Durststrecke ein. Wenige Tage nach einer überraschend pessimistischen und von heftigen Kursstürzen begleiteten Prognose des finnischen Marktführers Nokia präsentierte Ericsson im benachbarten Schweden am Montag eine Zwischenbilanz mit noch weit düstereren Prophezeiungen für die gesamte Branche.

dpa STOCKHOLM/HELSINKI. "Bisher haben wir über Wachstum geredet. Jetzt geht es darum, wer am wenigsten schrumpft", meinte Ericsson-Vorstandschef Kurt Hellström. Sein Nokia - Kollege Jorma Ollila hatte in Helsinki zurückhaltender formuliert: "Früher waren wir wohl ein bisschen zu optimistisch."

Beide hatten noch im letzten Jahr mehr oder weniger vollmundig eine steile Trendwende nach oben für die zweite Jahreshälfte 2002 vorhergesagt. Vor allem der Start der neuen Mobilgeneration 3G mit noch schickeren, noch kleineren und noch viel leistungsfähigeren Handys sollte die Rückkehr zu Wachstumsraten von 35 Prozent fast wie in den allerschönsten Boomphasen der neunziger Jahre bringen.

Aber die Wirklichkeit nach dem ersten Quartal dieses Jahres sieht komplett andere aus, nachdem schon 2001 erstmals überhaupt die Zahl der verkauften Handys gegenüber dem Vorjahr gesunken war. Nokia reduzierte die Absatzprognose für das laufende Jahr von 400 auf 380 Millionen Einheiten und sagte ein scharfes Negativ-Wachstum für das Geschäft mit Mobilsystemen, also der Infrastruktur von Netzen, vorher. Die Finnen erwarten hier ein Minus von 30 Prozent, während Ericsson mit "nur" 15 Prozent weniger Absatz bei Systemen rechnet.

Obwohl Nokia als souveräner Branchenprimus immer noch höchst solide Gewinne ausweisen kann, reagierten die Märkte vergangene Woche mit empfindsamen Kursstürzen der finnischen Edelaktie von über zehn Prozent. Ollila hatte wesentlich länger optimistische Marktprognosen von sich gegeben als die seit längerem mit Verlusten aus dem Handy- Geschäft kämpfenden Konkurrenten Motorola, Siemens, Alcatel und vor allem Ericsson. So saß der Schock umso tiefer.

Aktienkurse brachen ein

Wie tief auch Handy-Könige fallen können, zeigte die Präsentation der Ericsson-Zwischenbilanz in Stockholm. Innerhalb von wenigen Stunden fiel der Aktienkurs am Montag um 23 Prozent auf 27,6 Kronen (drei Euro) nachdem Hellström verkündet hatte, was in Schweden ansteht: Bis Ende nächsten Jahres sollen 20 000 Beschäftigte entlassen werden und die Aktionäre mit Neuemissionen über 30 Milliarden Kronen zur Kasse gebeten werden.

"Die Talsohle ist noch nicht erreicht", lautete die wenig tröstliche Begleitbotschaft des Stockholmer Konzernchefs. Im letzten Jahr hatte er noch erklärt, Ericsson strebe bis Ende 2002 eine Gewinnmarge von fünf Prozent an. "Alle in der Branche haben sich verrechnet, und alle sind abgerutsct", assistierte der neue Aufsichtsratschef Michael Treschow. Der frühere Vorstandschef beim schwedischen Electrolux-Konzern wird im eigenen Land wegen erwiesener Härte als Sanierer gerne "Mack The Knife" ("Mackie Messer") genannt. Bei Ericsson wurde aber auch ohne ihn schon kräftig personelle Konsequenzen gezogen. Vom Beschäftigtenhöchststand 109 000 vor zwei Jahren ist man inzwischen bei 82 000 gelandet und will die Zahl bis Ende 2003 auf 65 000 Mitarbeiter drücken.

Die nächste Hürde kommt auf die Branche im Herbst zu, wenn mit erheblicher Verspätung die ersten 3G-Netze in Betrieb genommen werden und auch Nokia die lang erwarteten neuen Handys vorstellt. Über die mehrfache Verschiebung der Premiere hieß es beim größten finnischen Mobil-Operateur Sonera: "Da macht sich langsam Unsicherheit breit, ob Nokia die Sache überhaupt technisch im Griff hat." Damit, dass die Verbraucher wesentlich zurückhaltender beim Kauf immer neuer Handys geworden sind, hat sich die Branche schon schweren Herzens abfinden müssen.

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