Tarifkonflikt überschattet Bilanzpräsentation
Lufthansa-Piloten fliegen direkten Kurs in den Streik

Die Lufthansa steht vor schweren Tagen: Während der Konzern auf der Bilanz-Pressekonferenz heute einen verhaltenen Ausblick auf das Jahr 2001 geben wird, bereiten die Piloten entschlossen den Streik vor. Eine Einigung im Tarifkonflikt ist außer Reichweite. Ende nächster Woche endet die Urabstimmung.

FRANKFURT/M. Ein baldiger Piloten-Streik bei der Deutschen Lufthansa nimmt immer deutlichere Züge an. "Der Verhandlungstisch ist nicht zugänglich. Zurzeit herrscht Funkstille", bestätigt Thorsten Gommert, Tarifexperte der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC).

Verhandlungen liegen auf Eis

Seit fast vier Wochen liegen die Verhandlungen zwischen Lufthansa-Führung und der VC auf Eis, weil die Vorstellungen der beiden Parteien himmelweit auseinander liegen. Die Lufthansa hat ihren 4 200 Piloten eine Gehaltserhöhung von 3,5 % plus ein zusätzliches Monatsgehalt für das erfolgreiche vergangene Jahr angeboten. Für die nächsten drei Jahre stellte der Konzern den Cockpit-Crews zudem variable Zusatz-Vergütungen von bis zu zwei Monatsgehältern in Aussicht, wobei das Festgehalt jeweils um die Inflationsrate angehoben werden soll.

VC nannte das Angebot eine "Mogelpackung", brach die Verhandlungen sofort ab - und fordert weiterhin durchschnittliche Gehaltserhöhungen von 35 %.

"Der nächste Schritt muss von der Lufthansa kommen", darauf beharrt Michael Tarp, Vorstandsvorsitzender der Pilotengewerkschaft. Branchenexperten gehen allerdings davon aus, dass der Luftfahrtkonzern erst das Ende der laufenden Urabstimmung am 3. Mai abwarten will. Mindestens 70 % der VC-Mitglieder müssen bis dahin ihr Kreuzchen bei "Ja" gemacht haben, um einen Ausstand und damit ein millionen-teures Chaos bei Lufthansa sowie den Töchtern Lufthansa Cargo, Condor und Condor Berlin möglich zu machen. In der schicken Neu-Isenburger VC-Zentrale, 15 Minuten vom Frankfurter Flughafen entfernt, gibt man sich überaus zuversichtlich: "Ein Abstimmungsergebnis von weniger als 70 % wäre eine Pleite für uns. Doch das ist so unwahrscheinlich, dass ich es mir praktisch nicht vorstellen kann", sagt Gommert.

"Überhöhte Tarifabschlüsse gefährden Zukunft des Unternehmens"

Der Ausblick von Lufthansa-Vorstandschef Jürgen Weber bei der heutigen Bilanz-Pressekonferenz dürfte deshalb auf das Datum 3. Mai 2001 fixiert sein. Nach Schätzungen von Lufthansa-Analyst Uwe Weinreich von der Bankgesellschaft Berlin kämen auf die Lufthansa rund 100 Mill. DM an zusätzlichen Kosten zu, sollten die Piloten im Durchschnitt 15 Prozent mehr Gehalt bekommen. "Das ist jedoch nicht das eigentliche Thema. Es geht vielmehr darum, ob es angesichts des Ergebniseinbruchs im ersten Quartal statthaft ist, solche Gehaltserhöhungen zu verlangen," sagte Weinreich.

Lufthansa fürchtet in erster Linie den nachhaltigen Effekt der Gehaltssteigerungen. "Der Knackpunkt ist doch, welche Prozentzahl wir in die Tabelle schreiben. Dann zahlen wir dafür ein Leben lang", sagte eine Unternehmenssprecherin. Innerhalb des Konzerns wird auch die Frage diskutiert, ob sich die Töchter Lufthansa Cargo und Condor derartige Gehaltsentwicklungen leisten können. "Überhöhte Tarifabschlüsse gefährden die Zukunft beider Gesellschaften", warnt Personalvorstand Stefan Lauer in der Mitarbeiterzeitschrift "Lufthanseat". Die Unternehmen arbeiten in einem Konkurrenz-Umfeld, das Lufthansa-Gehälter nur vom Hörensagen kennt.

Zweitbestes Ergebnis der Unternehmensgeschichte

Eigentlich könnte der Himmel bei Deutschlands größter Fluggesellschaft in diesen Tagen rosarot sein: Vorstandschef Weber wird auf der heutigen Bilanz-Pressekonferenz das zweitbeste Ergebnis der Unternehmensgeschichte preisen. Der Umsatz stieg um 19 % auf 15,2 Mrd. Euro, das operative Ergebnis um 44 Prozent auf mehr als 1 Mrd. Euro.

Der Erfolg hat jedoch Begehrlichkeiten geweckt, an denen Lufthansa nun kräftig zu knabbern hat. Wenn die Urabstimmung am 3. Mai das geforderte 70 %-Ergebnis bringt, drohen heftige Turbulenzen. "Dann sind wir am nächsten Morgen streikbereit", meint ein langjähriges Mitglied der VC-Tarifkommission.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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