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Tarifpoker im Zeichen der US-Krise

Mit unterschiedlichen Rezepten wollen Arbeitgeber und Gewerkschaften den wirtschaftlichen Folgen der Terroranschläge gegen die USA begegnen. Gesamtmetall plädiert für einen Tarifabschluss in Höhe des Produktivitätsfortschritts ohne Inflationsausgleich. Der DGB will die Kaufkraft stärken.

huh BERLIN. Drei Monate vor Beginn der heißen Phase in der Tarifrunde 2002 haben sich gestern Gewerkschaften und Arbeitgeber in Stellung gebracht. Während der Arbeitgeberverband Gesamtmetall unter Hinweis auf die unsichere Konjunktur für einen niedrigen Tarifabschluss warb, erteilte der DGB Forderungen nach tarifpolitischer Zurückhaltung eine klare Absage.

Da die US-Wirtschaft nach den Terroranschlägen als Konjunkturmotor endgültig ausfalle, müsse die Binnennachfrage in Deutschland durch deutlich höhere Entgelte gestärkt werden, forderte DGB-Vorstandsmitglied Heinz Putzhammer. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass Lohnzurückhaltung kein Rezept zum Abbau der Arbeitslosigkeit sei.

Für die Metallarbeitgeber hingegen muss sich der Tarifabschluss am gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsfortschritt ohne vollen Inflationsausgleich orientieren. Daran gemessen sei der Lohnzuwachs des Jahres 2001 von 2,1 % bereits zu hoch, da die Produktivität voraussichtlich um weniger als 1 % steigen werde, sagte Gesamtmetall - Hauptgeschäftsführer Hans Werner Busch. Die IG Metall ist da anderer Meinung. Sie will 2002 einen Nachschlag für die ihrer Ansicht nach viel zu geringe Tarifsteigerung dieses Jahres fordern.

Branche blickt mit Sorgen auf die mittelfristigen Folgen der Anschläge

Busch warnte vor überhöhten Tarifsteigerungen. Der maßvolle Abschluss des Jahres 2000 könne entscheidend dazu beitragen, dass sich in Deutschland die wirtschaftlichen Schäden einer Krise wie jetzt in den USA begrenzen ließen. Laut Busch sind die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie bestrebt, ihre Mitarbeiter trotz einer seit Jahresbeginn um 3 % geschrumpften Produktion zu halten. Die produktivitätsorientierte Tarifpolitik der vergangenen beiden Jahre wirke als "Entlassungsbremse", obwohl erstmals seit drei Jahren die Lohnstückkosten in der Metallindustrie wieder stiegen. In der Hoffnung auf bessere Zeiten würden die Unternehmen die Arbeitszeitguthaben ihrer Mitarbeiter abschmelzen, anstatt ihnen zu kündigen.

Allerdings lasse sich diese Strategie nur begrenzte Zeit durchhalten, warnte Busch. Mit Sorgen blickt die Branche deshalb auf die mittelfristigen Folgen der Terroranschläge. Zwar erziele die Metall- und Elektroindustrie nur 5 % ihres Umsatzes direkt in den USA. Doch drohten Rückwirkungen auf andere Märkte. Busch: "Im vierten Quartal stellt sich die Schicksalsfrage für die Weltkonjunktur". Sichere Daten, wie die deutsche Industrie von den Terroranschlägen betroffen sein wird, gäbe es aber erst im Dezember.

IG-Metall: "2002 geht es um deutlich mehr Geld für die Beschäftigten"

Die IG Metall hingegen betonte, Automobilindustrie und Maschinenbau seien in "hervorragender Verfassung". Deshalb werde es 2002 um deutlich mehr Geld für die Beschäftigten gehen, sagte Gewerkschaftssprecher Claus Eilrich. Eine Tariferhöhung nur nach dem Produktivitätsfortschritt ohne Inflationsausgleich wies er zurück. Ihre Forderung für die Tarifrunde 2002 will die IG Metall Anfang Dezember beschließen.

Der DGB stellte gestern eine hauseigene Studie vor, wonach im Jahr 2000 die realen Bruttolöhne um 0,4 % gegenüber dem Vorjahr gesunken sind. In den neunziger Jahren habe die Zurückhaltung der Arbeitnehmer den Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht verhindern können, sagte DGB-Vorstandsmitglied Putzhammer. Denn die Ursache sei eine Wachstumsschwäche, die vor allem durch Erhöhung der Nachfrage bekämpft werden müsse.

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