Tarifpolitik
Reklame für eine Reform des Flächentarifs

Die Tarifeinigung bei der Lufthansa ist ein Lehrstück über Chancen und Gefahren gewerkschaftlicher Konkurrenz.

HB DÜSSELDORF. Bei allem Ärger über den hohen Tarifabschluss der Lufthansa-Piloten: IG Metall , Verdi und der gesamte Deutsche Gewerkschaftsbund können der eigensinnigen Vereinigung Cockpit (VC) dankbar sein. Selten gab es so klaren Anschauungsunterricht über die durchaus vorhandenen Vorzüge von Flächentarifverträgen, branchenübergreifenden Großgewerkschaften sowie all jener Institutionen der Tariflandschaft, die umgekehrt aber auch mit Reformstau am Standort Deutschland in Verbindung gebracht werden.

Da mögen Arbeitgeber der Industrie oder des Handels gegen undifferenzierte Tarifregeln und die Unbeweglichkeit ideologisch gebundener "Gewerkschafts-Dinosaurier" wettern - eine so unverhohlen auf enge Gruppeninteressen fixierte Berufsgewerkschaft wie die Vereinigung Cockpit wünscht man keinem Unternehmen als Alternative ins Haus. Falls Lufthansa-Chef Jürgen Weber je geglaubt hat, VC werde ihm die Anerkennung als Spezialvertretung für Elite-Arbeitnehmer mit erhöhter Rücksicht auf unternehmerische Belange danken, dann hat er sich verkalkuliert. Darüber täuscht bei zweistelligen Grundgehaltssteigerungen auch eine insgesamt stärker gewinnabhängige Bezahlung nicht hinweg.

Beim Boden- und Kabinenpersonal der Lufthansa und bei anderen Airlines weckt der Tarifabschluss bereits Begehrlichkeiten. Man kann nur hoffen, dass sich diese Art Pilotwirkung nicht auch auf andere Branchen ausbreitet. Denn bei eingetrübter Konjunktur und bedenklich hoher Inflation ergäbe sich dann für den Standort D ein wirklich brisantes Gemisch. Immerhin: Gerade wer, wie die Großgewerkschaften, eine Flächentarifpolitik vertritt, ist damit zwangsläufig auch in besonderem Maße an die gesamtwirtschaftliche Verantwortung gebunden.

Mehr Markt im Arbeitsmarkt

Grundsätzlich bedenklich ist der Sonderweg der Lufthansa-Piloten aber nicht deshalb, weil ihre Gehaltssteigerungen das Gerechtigkeitsempfinden anderer Arbeitnehmer verletzen. Die berechtigte Forderung nach mehr Markt am Arbeitsmarkt schließt auch die Möglichkeit einer stärkeren Einkommensspreizung nach oben ein. Eine andere Frage ist, ob es dazu tarifvertraglicher Flankierung bedarf - steht es doch jedem Arbeitgeber frei, bei Personalknappheit die Tarifgehälter durch Zuschläge attraktiver zu machen. Die Gefahr der Betriebs- oder Berufsgewerkschaft besteht darin, dass ihre tarifpolitische Durchsetzungskraft nur sehr begrenzt mit den Knappheitsverhältnissen am Arbeitsmarkt zu tun hat.

Das enthebt IG Metall, Verdi & Co. aber nicht im Geringsten der Notwendigkeit, ihre Tarifverträge zu flexibilisieren. Erst aufgestauter Reformdruck erzeugt die Interessenkonflikte zwischen Funktionären und Teilbelegschaften, die dann zur Abspaltung kleiner Berufsverbände führen. Zumindest auf Dauer werden die gewerkschaftlichen Platzhirsche das Aufblühen solch ungeliebter Konkurrenz weder mit juristischen Schritten unterbinden können - noch mit Hilfe eines neuen Betriebsverfassungsgesetzes, das ihre Position in den Betrieben absichern soll.

Neue tarifpolitische Arrangements

Wer eine kontrollierte Öffnung von Flächentarifverträgen zu Gunsten größerer Spielräume der Betriebsparteien blockiert, fördert neue tarifpolitische Arrangements. Auch das kann zu mehr Flexibilität führen. Sicheren Schutz gegen eine innere Lähmung der Unternehmen durch Betriebs- und Berufsgewerkschaften nach dem britischen Muster der 70er-Jahre gibt es dann aber nicht.

Die Großgewerkschaften tun schon aus Eigeninteresse gut daran, Tarifverträge als Regelwerke für Rahmen- und Mindestbedingungen zu gestalten. Sollte sich diese Einsicht nun stärker durchsetzen, dann hätten die Lufthansa-Piloten dem Standort D in der Tat einen Dienst erwiesen.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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