Tarifverträge in der Industrie unter Konkurrenzdruck
Zeitarbeit entzweit IG Metall und Verdi

Wenn Gewerkschafter auf Zeitarbeit schlecht zu sprechen sind, dann liegt das auch an Beispielen wie dem aus der Handy-Fertigung von Siemens im niederrheinischen Kamp- Lintfort: Wegen sinkender Nachfrage nach Mobiltelefonen verweigerte Siemens 1000 befristet angestellten Mitarbeitern die Weiterbeschäftigung. Dann fanden gut 800 von ihnen doch wieder Arbeit - und zwar im selben Betrieb. Jedoch nicht mehr auf Siemens-Gehaltslisten, sondern auf denen zweier Zeitarbeitsfirmen - zu deutlich reduziertem Lohn.

dc DÜSSELDORF. "Das ist ein absolut katastrophales Beispiel", ärgert sich Ulrich Marschner, 1. Bevollmächtigter der IG-Metall-Verwaltungsstelle Dinslaken. "Die fühlen sich jetzt wie Menschen zweiter Klasse." Das Schicksal der direkt Betroffenen ist freilich nicht der einzige Grund, wieso Gewerkschafter Beschäftigungssicherung à la Siemens nicht mögen: Sie rüttelt am Gefüge des Flächentarifvertrags, der für die Stammbeschäftigten gilt. Die Zeitkräfte könnten ja zeigen, dass die Produktion auch dann noch klappt, wenn man die Löhne gegenüber denen des Metall-Tarifvertrags um 20 Prozent reduziert.

Zugleich sorgen gerade solche Fälle für Reibereien zwischen der IG Metall und der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi: Deren Vorläuferorganisationen ÖTV und DAG haben vor zwei Jahren einen ersten Tarifvertrag mit dem deutschen Marktführer unter den Zeitarbeitsfirmen geschlossen, der Randstad Deutschland GmbH & Co. KG. Was aus Verdi-Sicht ein Schritt hin zu tariflichen Standards in der Dienstleistungsbranche Zeitarbeit war, kam bei der IG Metall als Kampfansage an: Über Zeitkräfte dringt Verdi-Tarifrecht in Industriebetriebe ein.

Sollte sich freilich demnächst der Ansatz durchsetzen, wonach für Zeitkräfte per Gesetz grundsätzlich gleiche Löhne gelten wie für die jeweiligen Stammbeschäftigten, wäre das Thema geklärt. Dieses Modell, das etwa in Frankreich und Österreich praktiziert wird, könnte das hier zu Lande geringe Zutrauen von Gewerkschaften und Arbeitnehmern zur Zeitarbeit fördern, freilich um den Preis, dass der derzeit von kleineren, regionalen Anbietern dominierte Markt aufgemischt würde - tendenziell zu Gunsten der großen.

Wären niedrigere Löhne kein Anreiz mehr für den Einsatz von Zeitkräften, dann würden andere Gründe mehr in den Vordergrund rücken: Die Zeitarbeitsfirma nimmt es dem Kundenbetrieb ab, die jeweils besonders geeignete Arbeitskraft zu finden. Und bei Zeitarbeit steht der Beendigung eines Arbeitseinsatzes kein Kündigungsschutz im Weg - die Zeitkraft bleibt beim Zeitarbeitsunternehmen angestellt; dieses trägt das Risiko, auch dann Lohn zahlen zu müssen, wenn sich zeitweilig keine neue Arbeitsmöglichkeit findet. Für beide Anforderungen sind große Anbieter mit vielen Zeitkräften und Kunden tendenziell besser gewappnet.

Bisher herrscht aber auch unter den großen Anbietern kein Konsens über einen Strategiewechsel. "Wir meinen, dass der Bundesverband Zeitarbeit als Branchenverband die Kräfte bündeln sollte", begründet Randstad-Geschäftsführer Jörg Asshauer, warum er Initiativen einzelner Verbandsunternehmen skeptisch bewertet. Während Randstad in dem eigenen Tarifvertrag mit Verdi einen Ausweis "gesellschaftlicher Verantwortung" sieht, wachsen jedoch auch bei Verdi die Zweifel: "Ich bin nicht glücklich über diesen Vertrag", sagt Jörg Wiedemuth, Leiter der Verdi-Tarifabteilung, und überlegt angesichts verbliebener Niveauunterschiede zu Tarifverträgen in der Industrie, "wie wir das Niveau jetzt nach oben ziehen können".

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