Tariner Heiner Brand will sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen
„Bei dieser Veranstaltung ist alles möglich“

Erfolg kann ganz schön lästig sein. Am Sonntag wollte sich Handball-Bundestrainer Heiner Brand wenige Stunden vor dem abschließenden EM-Vorrundenspiel seiner Mannschaft eigentlich noch ein wenig aufs Ohr legen. Doch kaum war er eingenickt, riss ihn das Telefon aus seinen Medaillenträumen. Am anderen Ende der Leitung meldete sich ein Fan und bat den Gummersbacher kurzerhand um ein paar Autogramme seiner Schützlinge. "Da bin ich schon ein wenig unleidlich geworden", sagte der Coach, der sich sonst allenfalls durch falsche Entscheidungen der Schiedsrichter aus der Ruhe bringen lässt.

abe JÖNKÖPING. Es ist jedoch ziemlich wahrscheinlich, dass Brand auch in den kommenden Tagen wenig Zeit für ein erholsames Mittagsschläfchen haben wird. Denn sein Team steht bei der Europameisterschaft in Schweden seit Sonntagabend mit einer hervorragenden Ausgangsposition in der Hauptrunde - und das trotz schwerer Vorrunde mit Spielen gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich (15:15), den Olympiasieger von 1996, Kroatien (26:21), und den WM-Dritten Jugoslawien (27:21). "Bei dieser Veranstaltung", sagt Lemgos Kreisläufer Christian Schwarzer, "ist jetzt alles möglich."

Von den sechs Mannschaften der zweiten Hauptrundengruppe, die ab Dienstag in Västeras um die zwei Halbfinalplätze spielen, erreichte kein Team die Hauptrunde mit weißer Weste. Deutschland und Frankreich nahmen ihr Remis aus der Vorrunde (beide 3:1-Punkte) ebenso mit wie Spanien und Island aus der anderen Gruppe (ebenfalls beide 3:1-Punkte). Jugoslawien und Slowenien sind mit zwei Niederlagen belastet und schon deshalb nahezu ohne Chance.

Stefan Kretzschmar hat schon etwas voreilig ausgerechnet, dass in den kommenden Begegnungen gegen Spanien (Dienstag 20 Uhr), Slowenien (Mittwoch 18 Uhr) und Island (Donnerstag 20 Uhr, alle live im DSF) zwei Siege reichen, damit die deutsche Auswahl in den Kreis der letzten Vier vorstößt. "Und das werden wir sicher packen", ist der Linksaußen aus Magdeburg überzeugt.

Heiner Brand will sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen: "Über Platzierungen zu spekulieren liegt mir nicht. Ich denke von Spiel zu Spiel. Das ist bei der Schwere der Gegner angebracht", sagte der Weltmeister von 1978. Vor allem den Isländern gilt sein Augenmerk: "Wir müssen keine Angst vor denen haben, aber Respekt, großen Respekt." Gerade in seiner Offensiv-Abteilung muss der Bundestrainer noch viel Arbeit leisten. Egal, ob er mit Daniel Stephan, Markus Baur und Volker Zerbe seine etablierten Kräfte aufs Feld schickte oder mit Pascal Hens, Christian Rose und Frank von Behren den jungen Wilden die Verantwortung übertrug - alle sechs Rückraumakteure glänzten durch zum Teil eklatante Abschlussschwächen. Es ist bezeichnend, dass die beiden Außenspieler Kretzschmar und Florian Kehrmann mit 16 beziehungsweise 15 Treffern augenblicklich die Torschützenliste der deutschen Auswahl anführen. Dagegen konnte der 2,11 Meter lange Volker Zerbe, der nach langem Zögern erst kurz vor der EM ins Aufgebot zurückgekehrt war, bisher nicht überzeugen. Fünf Tore bei 18 Versuchen zieren die Bilanz des Riesen aus Lemgo.

Bleibt zu hoffen, dass Kretzschmar und Kehrmann sowie Torhüter Henning Fritz auch am Dienstag Abend wieder überzeugen, wenn es gegen die ersatzgeschwächten Spanier geht. Diese müssen ohne ihren verletzten Spielmacher Talant Duishebajew antreten. Und falls alle Stricke reißen, hat Heiner Brand noch einen Trick parat, um die Wurfausbeute seines Teams zu steigern: "Den gegnerischen Torwart fesseln", so der Coach, "aber unauffällig."

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