Tashi Tsering
„Wir haben in der Bevölkerung weltweit große Unterstützung“

„Wir müssen unsere Unabhängigkeit in Eigenregie zurückgewinnen“, sagt Tashi Tsering. Der Vorsitzende der Taiwan-Sektion des tibetischen Jugendkongresses spricht im Interview über Solidarität, Taiwans pro-chinesische Politik und über ein freies Tibet.

Handelsblatt: Während des Aufstands im Frühjahr hat Tibet in aller Welt viel Aufmerksamkeit bekommen. Jetzt, während der Olympischen Spiele, scheint sich kaum noch jemand für Tibet zu interessieren. Wie erleben Sie das?

Tashi Tsering: Das stimmt. Die Regierungen in der Welt folgen ihren diplomatischen Obligationen. Sie sind eingeknickt vor China und können sich nicht öffentlich zu Tibet bekennen. Aber wir wissen, dass wir in der Bevölkerung weltweit noch immer große Unterstützung haben. Als ich in Japan im Gefängnis saß (Tsering wurde Ende April verhaftet, weil er den Olympischen Fackellauf gestört hatte; Anm. d. Red.), haben die Leute zwei Wochen lang jeden Tag für mich demonstriert und sogar für meine Kaution gesammelt. Nur deshalb bin ich schnell wieder freigelassen worden.

Während der Spiele ist es bisher nicht zu nennenswerten Protesten von Tibetern gekommen...

Es ist für Tibeter zurzeit unmöglich, ein Visum für China zu bekommen. Das gilt zum Beispiel auch für jene, die einen amerikanischen Pass haben.

Sie leben in Taiwan. Die neue Regierung will eine stärkere Annäherung an China. Was bedeutet das für Sie?

Ich befürchte, dass wir in Zukunft mehr politischen Druck spüren werden. Wenn für Taiwan die Beziehung mit China immer wichtiger wird – und so sieht es aus – dann werden wir Tibeter weniger Schutz und Unterstützung bekommen als bisher. Aber wir müssen unsere Unabhängigkeit sowieso in Eigenregie zurückgewinnen. Wir können uns nicht auf andere verlassen. Es ist unser Kampf.

Wird der gewaltlos bleiben?

Zurzeit gehorchen wir unserem religiösen Führer (dem Dalai Lama; Anm. d. Red.). Solange er Gewaltlosigkeit predigt, werden wir uns nicht dagegen auflehnen. Deshalb gibt es bisher auch keine Selbstmordattentate. Aber wenn dieses Gebot aufgehoben wird, dann bin ich der erste, der sterben wird.

Werden Sie eines Tages nach Tibet zurückkehren?

Ich weiß nicht, wie lange es noch dauern wird, bis wir Tibet befreit haben. Heute bin ich überall ein Fremder: in Indien, in Tibet, in Taiwan. Ich weiß nicht, wer ich eigentlich bin. Wenn Tibet endlich unabhängig wird, dann bekomme ich meine Identität zurück. Aber wir müssen Geduld haben.

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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