Tauchende Omas populärer als Fußball
Die Insel der Ahnungslosen

Das Wort "Worldcup" ist dieser Tage in Südkorea in aller Munde. Jeder, selbst der heißblütigste Baseball-Fan weiß, dass sein Land gerade die Fußball-WM ausrichtet. Jeder? Nein. Auf Jeju, wo Rudi Völlers Schützlinge im Falle eines Gruppensieges um den Einzug ins Viertelfinale kämpfen werden, gab es nicht einmal großen Jubel nach dem Triumph der Gastgeber über Polen. Die "Insel der Ahnungslosen" hat andere Helden als Zidane, Rivaldo oder Ballack.

dpa JEJU. "Bbarräck?" Der Hotelpage verzieht das Gesicht, als er nach dem deutschen Spielmacher gefragt wird. Das Spiel der Koreaner hat er sich nicht im TV angeschaut. Stolz ist der junge Sung, der etwas Englisch spricht, auf seine Großmutter, eine "Haenyo" (Meerfrau). Mit 65 Jahren springt Shin noch fast täglich von scharfen Klippen in die See, um Muscheln, Schnecken, Seeigel und Tintenfische zu fangen. Die Haenyo tauchen bis zu 15 Meter tief, einige halten - ohne Sauerstoff- Flasche - bis zu vier Minuten unter Wasser aus.

Wissenschaftler streiten, ob die Nixen-Geschichte auf der Vulkan- Insel vor 1000 oder schon vor 2000 Jahren begann. Fest steht, dass es auf dem von Mythen und Legenden umwobenen 500 000-Einwohner-Eiland 250 Kilometer südlich der koreanischen Küste heute nur noch bis zu 5000 Haenyo gibt. Vor 30 Jahren, als Jeju von Seoul zur "internationalen Tourismusinsel" erklärt wurde, waren es noch 50 000. Inzwischen gilt Jeju als das "Hawaii Koreas", die US-Zeitschrift Newsweek zählt sie zu den zehn schönsten Urlaubszielen der Welt.

Heute zieht es die Töchter der Seefrauen in die Tourismusbranche. 75 Prozent der Haenyo sind deshalb älter als fünfzig. Es gibt sogar 75- und 80-Jährige, die sich auch im Winter bei Wassertemperaturen unter zehn Grad in die See wagen. Warum tauchen Männer nicht? "Sie gehören aufs Land, haben nicht so viel Körperfett, sind weinerlicher", erklärt eine Haenyo mit zerfurchtem Gesicht via Übersetzer.

Die hartgesottenen Taucherinnen von Jeju, die erst vor 20 Jahren ihre Hemdchen gegen Neoprenanzüge getauscht und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sogar eine Revolte gegen die Kolonialmacht aus Japan organisiert haben, sind etwas Besonderes. "Aber wir sterben leider aus", sagt Shin.

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