Tauziehen um Nationalspieler Sebastian Kehl
Manager in der Manege

Sportlich steckt der FC Bayern in einem Tief - es gelang in fünf Spielen kein Sieg. Zudem hat der Klubs mit der Verpflichtung des Freiburgs Kehl anscheinend kein Glück. Manager Uli Hoeneß zürnt - und hat einen Anwalt eingeschaltet. Der Wechsel-Zirkus geht weiter.

MÜNCHEN. Uli Hoeneß schimpft und zetert. Der Manager des FC Bayern München bezeichnet Nationalspieler Sebastian Kehl als "Lügner", unterstellt dem 21-Jährigen gravierende Schwächen "des Charakters", beklagt mangelnde "Moral" auf dem Transfermarkt und wirft Borussia Dortmund vor, auf dem Markt des Profi-Fußballs verantwortungslose Preistreiberei zu betreiben.

Der verbale Amoklauf des Bayern-Managers am Wochenende zeigt vor allem eines: In der längsten sportlichen Krise seit dem Beginn der Ära Ottmar Hitzfeld erweisen sich die Bayern als schlechte Verlierer. Seit fünf Spielen ist der Rekordmeister in der Bundesliga ohne Sieg. Doch vor dem heutigen letzten Heimspiel des Jahres gegen Borussia Mönchengladbach fühlt sich die Führung der Bayern härter von der Tatsache getroffen, bei Wunsch-Transfers immer häufiger ins Hintertreffen zu geraten.

Drei Wochen nach dem Weltpokal-Gewinn ist das Selbstbewusstsein der Münchner schwer erschüttert. Hitzfeld reagierte nach dem 0:1 in Rostock mit einer "Krisensitzung" für sein müdes Personal. "Wir haben den Ernst der Lage erkannt", sagte Hitzfeld. "Es darf keine Ausrutscher mehr geben, wir stehen nun mächtig unter Druck. Wer immer noch glaubt, es läuft alles prima, dem muss ich widersprechen", erklärte der Fußball-Lehrer. Falls die Gladbacher im Olympiastadion punkten, dürfte das Weihnachtsfest beim FC Bayern vollkommen verdorben sein. Dabei wäre die Stimmung selbst durch den ersten Sieg seit dem 3. November kaum zu heben. Denn beim Werben um neue Spieler müssen sich die Bayern ausgangs des erfolgreichsten Jahres ihrer Vereinsgeschichte an eine neue Rolle gewöhnen.

Immer öfter hat der Verein, der über Jahrzehnte praktisch alle Spieler bekam, die er haben wollte, bei der Rekrutierung neuer Kräfte das Nachsehen. Kehl, defensiver Mittelfeldspieler des SC Freiburg, wird wohl nicht - wie vom FC Bayern Mitte der vorigen Woche verkündet- zum wankenden Branchenführer wechseln. Der Transfer des größten deutschen Defensivtalents zu Borussia Dortmund gilt als sicher. Die Fachzeitung "Kicker" vermutete gestern sogar, der bis 2003 an Freiburg gebundene Kehl werde bereits in der Winterpause nach Westfalen wechseln.

Damit hätte der BVB binnen eines Jahres den Bayern zum zweiten Mal beim Buhlen um Spitzenkräfte eine lange Nase gezeigt. Schon das Tauziehen um den Tschechen Tomas Rosicky im Januar verlor der FC Bayern gegen die Dortmunder. "Was der BVB derzeit macht, ist nicht anderes als Preistreiberei", griff Bayern-Präsident Franz Beckenbauer das Argument auf, das die Münchner auch im Fall Rosicky anführten. Hoeneß pochte darauf, dass mit Kehl bereits feste Vereinbarungen bestanden haben. "Wir haben von Kehl eine Zusage ohne Wenn und Aber bereits im Mai erhalten. Wenn das jemand leugnet, dann ist er ein Lügner", sagte Hoeneß.

Er kritisierte alle anderen Beteiligten des Transfergezerres, vor allem Kehl und Franz Gerber, den Berater des Jung-Nationalspielers und Manager des Zweitligisten Hannover 96. "Wie man so lügen kann, das stört mein Vorstellungsvermögen von Charakter. Ich lege Herrn Gerber dringend nahe, sich an die Wahrheit zu halten. Jemand, der von uns Geld nimmt, muss sich darüber im Klaren sein, dass wir nicht Jojo spielen", meinte Hoeneß. Der BVB bekam ebenfalls die Leviten gelesen: "Jetzt versuchen sie in Dortmund, Kehl mit Geld zuzuschütten. Vielleicht ist unter Umständen ein labiler Charakter so zu überzeugen."

Hoeneß fühlt sich persönlich beleidigt. "Ich lasse mich nicht als Blöden hinstellen, deshalb werde ich wild", sagte er. "Wenn ich etwas zusage, gilt das für 100 Jahre. Und dann kommt ein 21-Jähriger und stellt das alles in Frage. Und so einer soll bei der WM für Deutschland die Kohlen aus dem Feuer holen? Na wunderbar." Dass er beim Rennen um Kehl verloren hat, ahnte der 49-Jährige wohl schon, als der Spieler einen Betrag über 1,5 Millionen Mark, den er nach den Vorgesprächen erhalten hatte, im Herbst zurück überwies. Dennoch pocht der Bayern-Manager auf seinen Standpunkt: "Ich will klargestellt haben, dass wir einen Vertrag haben. Dass er bei uns spielen wird, halte ich eher für unwahrscheinlich. Ich will mein Recht, nicht den Spieler."

Trotz dieser Aussagen hat der FC Bayern gestern den Rechtsanwalt Christoph Schickhardt eingeschaltet. Aus juristischer Sicht mache eine Intervention des Klubs Sinn, so der Anwalt. "Es könnte eng werden für den Spieler", sagte Schickhardt, "einiges spricht für eine vertragliche Verpflichtung". Sollte der FC Bayern tatsächlich im Recht sein, müsste sich Dortmund wohl zurückziehen. BVB-Manager Michael Meier hatte am Wochenende erklärt, Kehl habe dem BVB versichert, es gebe keine Vereinbarung zwischen ihm und dem FC Bayern. "Wenn die Bayern etwas Schriftliches haben, treten wir natürlich sofort zurück", sagte Meier. Im Umfeld der Bayern vermutet man allerdings, dass Hoeneß mit seinem Rundumschlag eher von der sportlichen Krise ablenken will.

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