TCL übernimmt insolventen TV-Hersteller
Chinesen sorgen für Neustart bei Schneider

Der chinesische Elektronik-Konzern TCL übernimmt Schneider, den insolventen Hersteller von Fernsehgeräten. Das Traditionsunternehmen ist damit zwar vorerst gerettet. Langfristig wird Schneider aber nur überleben, wenn es TCL gelingt, in Europa Fuß zu fassen. Analysten sind skeptisch, ob die Produktion erhalten bleibt.

HB/olm/jojo HONGKONG/MÜNCHEN. Aufatmen in Türkheim: Eine Tochter des chinesischen Elektronik-Produzenten TCL übernimmt wesentliche Teile des insolventen Schneider Konzerns. Die Asiaten zahlen nach eigenen Angaben rund 8,2 Mill. Euro für Produktionsanlagen, Warenbestand und die Rechte an den Marken Schneider und Dual. Insolvenzverwalter Michael Jaffé verspricht, dass ab Anfang 2003 wieder mehrere hundert Arbeitsplätze entstehen. TCL hat sich vertraglich verpflichtet, die Serienproduktion am Stammsitz Türkheim wieder aufzunehmen.

Die traditionsreichen Schneider-Werke mussten Anfang des Jahres Insolvenz anmelden, nachdem der geplante Konzernumbau fehlgeschlagen war. Davon ist nicht nur die Fernseher-Produktion im schwäbischen Städtchen Türkheim betroffen, sondern auch die Laser-TV-Sparte in Thüringen. Doch auch für diesen Teil gibt es inzwischen Übernahme-Interessenten.

Finanzstarker neuer Eigentümer

Mit TCL bekommt Schneiders TV-Sparte nun einen finanzstarken neuen Eigentümer. Aber ob die Chinesen langfristig bei der Stange bleiben, ist ungewiss. "Wir wollen mit dem Zukauf den europäischen Markt testen", erläutert eine TCL-Sprecherin die Expansion des Unternehmens, "ob er es wert ist, wissen wir noch nicht." Der Sprecherin zufolge sieht TCL die in Europa eingeführten Marken Schneider und Dual und die Vertriebskanäle als die beiden wichtigsten Unternehmensteile der Türkheimer.

Schneiders Know-How bei der Fertigung von Digital- und Plasma-Fernsehern sei für TCL ebenfalls interessant. Solche Produkte haben die Chinesen nicht im Angebot, denn TCL gilt als Billiganbieter. Der chinesische Marktführer produzierte im ersten Halbjahr 1,9 Mill. Fernseher für den Heimatmarkt. Zusätzlich wurden knapp 200 000 Geräte exportiert, vor allem nach Südostasien, Afrika und in den Mittleren Osten.

Schneiders Produktionskapazitäten übernimmt TCL eher widerwillig. Die Chinesen sehen sich dazu aber durch rigide Einfuhrbeschränkungen der EU genötigt. Brüssel hat zwar die hohen Strafzölle für chinesische Fernseher vor zwei Wochen abgeschafft. Geräte "Made in China" werden Europa dennoch nicht überschwemmen: Chinas sieben große Hersteller haben eine Importquote von insgesamt 400 000 Geräten pro Jahr akzeptiert und Mindestverkaufspreisen zugestimmt. Zu diesen Bedingungen sind TCL-Fernseher in Europa laut der Sprecherin aber "nicht konkurrenzfähig", obwohl die Produktionskosten in der Volksrepublik sehr viel niedriger liegen als hier zu Lande.

Importhürden umgehen

Diese Importhürden will TCL ab Anfang kommenden Jahres mit Fernsehern aus Türkheim umgehen. Im ersten Jahr sollen dort 500 000 Geräte hergestellt werden, im zweiten 700 000, die Hälfte davon für die Marken Schneider und Dual, der Rest in Auftragsproduktion für andere Marken. Bewährt sich das Konzept, sollen später weitere Produkte dazukommen. Seit Ende Mai ruhen die Bänder bei Schneider. Zuletzt waren noch knapp 300 Leute beschäftigt, vergangenes Jahr waren es etwa 700.

Analysten in Hongkong sehen wenig Chancen, dass die Produktion im Allgäu lange besteht: "Schneiders Technologie, die Marke und den Vertrieb, das kann TCL gut verwenden", meint der Vertreter eines großen europäischen Investmenthauses, "die Produktion in Deutschland macht hingegen wenig Sinn." Die meisten westlichen TV-Herstelle gehen momentan genau in die umgekehrte Richtung und verlagern massiv Produktionskapazitäten nach China: Toshiba beispielsweise hat die Produktion in Japan bereits ganz aufgegeben. Der niederländische Philips-Konzern will 60 % seiner Fertigung in die Volksrepublik auslagern. Auch Deutschlands Marktführer Grundig hat seine Produktion in Nürnberg aufgegeben.

Das Risiko für TCL ist freilich gering: Der Kaufpreis von 8,2 Mill. Euro ist für die Chinesen ein Klacks. Im ersten Halbjahr stieg Gewinn um satte 57 % auf 32,4 Mill. $. Der Umsatz kletterte um 19 % auf 690 Mill. $. Im Gegensatz zu vielen chinesischen Konkurrenten ist auch das Fernseher-Geschäft von TCL profitabel. Aber die Expansion in Überseemärkte hat einen weiteren Grund: In der Heimat sind die Margen stark unter Druck, der Markt ist gesättigt und leidet unter Überproduktion.

In Deutschland werden es die Chinesen nicht leicht haben. Der Markt stagniert seit einigen Jahren und es tobt ein erbitterter Preiskampf unter den Billig-Anbietern. Erfolge konnten zuletzt hauptsächlich Luxus-Anbieter wie Metz und Loewe erzielen. Deutschlands Nummer eins, Grundig, braucht dagegen selbst die Hilfe eines asiatischen Partners, um zu überleben.

Quelle: Handelsblatt

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