Team New Zealand liegt 0:3 zurück
Vor dem Winterschlaf

Für Neuseeland ist der America?s Cup von großer Bedeutung. Wirtschaftlich und sportlich. Kein Wunder, dass der drohende Verlust der Silberkanne depressive Folgen auszulösen scheint.

AUCKLAND. Sir Michael Fay, neuseeländischer Milliardär und Unternehmer, hatte vor 20 Jahren einen Traum. Der berühmte America?s Cup sollte zu einem neuseeländischen Cup werden. Die Bedingungen waren so gut wie wohl in kaum einem anderen Land. "Das Wasser ist die zweite Heimat der Neuseeländer", heißt es. Ein Boot in der Garage ist vor allem in Auckland so selbstverständlich wie das Auto in Deutschland. Jeder vierte der eine Million Einwohner von Auckland hat heute ein Boot. Auch der Bootsbau selbst scheint zu den Fähigkeiten zu gehören, die den Kiwis in die Wiege gelegt wurden. "Mein Vater hat meiner Schwester eines gebastelt", sagt zum Beispiel Mark Overrington. "Und so bin auch ich zum Segeln gekommen." Heute ist der 19-Jährige vierfacher nationaler Meister in verschiedenen Klassen und vielleicht ein künftiger America?s-Cup-Segler.

Dieser Traum kann noch zur Realität werden, jener von Fay ist es längst. 1995 wurde der Cup von Neuseeländern in San Diego gewonnen, 2000 in Auckland verteidigt. Fay war an den erfolgreichen Kampagnen allerdings nicht mehr beteiligt. Er finanzierte die Kiwi-Projekte 1987, 1988 und 1992 und wurde zweimal Zweiter. Einmal stand er im Finale der Herausfordererrunde. Womit der Grundstein für den späteren Triumph beim Kampf um die Silberkanne gelegt wurde.

Und der hatte es in sich und blieb nicht ohne Folgen. Denn der Südpazifik-Statt mit 3,8 Millionen Einwohnern hat sich durch die Cup-Euphorie verändert. Aus dem Provinznest Auckland, in dem es kaum möglich war, einen guten Kaffee zu bekommen, wurde eine Metropole. 400 Millionen Euro brachte die Cup-Austragung 2000 der Wirtschaft. 70 Prozent davon ging an Auckland.

Die Bootsbauindustrie hat sich seitdem zum zweitstärksten Wirtschaftszweig entwickelt, hinter der Landwirtschaft. Allein 40 Werften gibt es in Auckland, und die bauen bis zu 30 Prozent günstiger als ihre Konkurrenz in Europa und den USA. Ein gutes Argument auch für Super-Milliardäre wie Larry Ellison, Ernesto Bertarelli oder Paul Allen, die gern mal ein paar Millionen in ein neues Segelboot und zwischen 50 und 100 Millionen Euro in eine America?s-Cup-Kampagne stecken. Und dazu viele Dollar für Kaviar, Champagner und Hotels ausgeben.

Der neuseeländische Traum vom America?s Cup scheint aber schon fast ausgeträumt. Gestern verlor das Team New Zealand das dritte Rennen gegen die Schweizer Alinghi mit dem deutschen Sportdirektor Jochen Schümann. Der Cup scheint zum Leidwesen der Gastgeber zu einem Schweizer Cup zu werden. Zwei Siege fehlen Alinghi noch, das nächste Rennen findet in der kommenden Nacht statt.

Um möglichen Folgen für die neuseeländische Wirtschaft vorzubeugen, veröffentlichte die landesweit größte Zeitung "New Zealand Herald" vergangenen Samstag eine ganze Seite mit diversen Investitionsvorschlägen für die Protagonisten der Software-Szene. Für Oracle wurde ein Entwicklungslabor vorgeschlagen. Gleiches riet man SAP-Mann Hasso Plattner, der einer der Hauptgeldgeber des Team New Zealand ist. "Selbst wenn wir den Cup verlieren, werden wir Vorteile von der verbesserten Infrastruktur haben, die der Cup mal geschaffen hat", kommentierte Jim Eagles vom Herald.

Auch Mark Donnelly vom Auckland Council ist überzeugt: "Nichts was wir in Auckland kreiert haben, war darauf ausgerichtet, dass wir den Cup halten. Neuseelands Bootsbauer werden immer noch die besten der Welt sein." Und auch in anderen Bereichen ist es um Neuseeland gut bestellt. Zum Beispiel im Tourismus. Ein Wachstum von 20 Prozent gegenüber 2001 wurde unlängst vermeldet. Und dies in einer Phase, in der das Nachbarland Australien über Rückgänge klagt.

"Selbst wenn die Schweizer gewinnen, haben wir ein solch solides Profil entwickelt, dass wir zuversichtlich sind, den Erfolg halten und ausbauen zu können", sagt Graeme Osborne von Tourism Auckland. Eine neue Studie zum Effekt des America?s Cup 2003 auf die neuseeländische Wirtschaft verspricht zumindest für die Wirtschaft kurzfristig sonnige Tage. 1 320 neue Jobs, so heißt es, hat der Cup diesmal geschaffen. Allein die Vorbereitungen haben rund 40 Millionen Euro in die Wirtschaft gepumpt. Experten erwarten als Endresultat das Überschreiten der Milliarden-Grenze.

Wichtiger ist aber die Frage, ob ein Cup-Verlust eine nationale Depression auslösen könnte. "Wir sind eine Sportnation", weiß die Journalistin Suzanne McFadden. "Ein Verlust der wichtigsten Trophäe könnte uns in einen tiefen Winterschlaf versetzen."

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