Team Spanien
Vom Komplex zum Größenwahn

24 Jahre kein Halbfinale bei einem großen Turnier, 88 Jahre kein Pflichtspielsieg gegen Italien, dann gibt es endlich mal einen Helden, und die eigene Mutter bekommt es nicht mit.

fha/WIEN. Maria del Carmen Fernández erlitt vor Beginn des Elfmeterschießens einen Schwächeanfall, sie wurde ärztlich behandelt, als ihr Sohn Iker Casillas Fernández mit Paraden gegen De Rossi und Di Natale den Fluch beendete, der Spanien die längste Zeit verfolgt hat. Zum Glück gab es Entwarnung. Señora Fernández berappelte sich und stieß noch in der Nacht zu den Feierlichkeiten.

Im ganzen Land zogen die Menschen auf die Straßen, so ist das bei erfolgreichen EM-Teilnehmern, aber in Spanien war es schon etwas Besonderes. Weil es solange keinen Anlass zum Jubel gegeben hatte, aber auch weil die Nationalmannschaft im regionalistischen Spanien nie einen so hohen Stellenwert hatte. Bis zum Sonntag war das meistgesehene Fernsehereignis in der Geschichte des Landes die Übertragung des Eurovision Song Contest von 2002 gewesen, als die Sängerin Rosa, dem Lande bekannt als Gewinnerin einer "Superstar"-Casting-Show, in Tallinn den siebten Platz belegte. Jetzt führt in dieser Kategorie, wie andernorts üblich, auch in Spanien ein Fußballspiel. Das Elfmeterschießen gegen Italien sahen über 15 Millionen.

"Dieser Moment ist mythisch für viele Generationen", sagte Stürmer Fernando Torres nach der Partie, von einem "Sieg gegen den chronischen Pessimismus des spanischen Fußballs" schrieb die angesehene "El País". In der Revolverpresse fielen die Elogen naturgemäß deutlicher aus, bis zu dem Punkt, an dem man sich fragte, welches Fußballspiel die Berichterstatter da eigentlich gesehen hatten. Nüchtern betrachtet war Spanien in den 120 regulären Minuten die etwas bessere zweier langweiliger Mannschaften gewesen. Im Sportblatt "As" las sich das Ganze so: "Wir sind besser, viel besser... Spanien spielte um sein Leben mit einer fast selbstmörderischen Philosophie, seiner Philosophie: Purer Fußball."

Nun ja. Die Überzeugung, den schönsten Fußball zu spielen, gehört in Spanien zum Allgemeingut, sie funktionierte jahrzehntelang als Surrogat für fehlende Triumphe. Und wo es das Gute gibt, ist das Böse meist nicht weit: Für die Spanier waren das immer die Italiener. Zynisch und, vor allem, schmerzhaft erfolgreich.

Jetzt haben sie ihren alten Komplex endlich besiegt, und in Wahrheit taten sie es, indem sie sich selbst ein Stück weit "italienisierten". Spanien überzeugte am Sonntag in erster Linie durch seine überraschend sichere Verteidigung, durch kluge Organisation und mentale Stärke, durch gelegentliche taktische Fouls und die gelegentliche Schauspieleinlage. Ihr bester Feldspieler war Marcos Senna, ein defensiver Mittelfeldmann, und am Ende gewannen sie durch die Klasse ihres Torhüters.

Eigentlich gibt es also wenig Grund, vom Komplex gleich zum Größenwahn überzugehen ("Eine Zukunft voller Triumphe deutet sich an", so "As"), und niemand weiß das besser als die unmittelbar Verantwortlichen. "Elfmeterschießen ist immer eine Lotterie", sagte Casillas, "wir hatten Glück, auf diese Weise weiterzukommen." Trainer Luis Aragonés sprach derweil von einem "knapp verdienten" Sieg, "obwohl wir nicht so gut kombiniert haben wie sonst häufig". Aragonés (69) sieht eben richtig hin, auch was den nächsten Gegner angeht. "Das ist nicht mehr dasselbe Russland", sagte er in Anspielung auf Spaniens 4:1-Sieg im ersten Gruppenspiel. "Es wird verdammt schwer."

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