Team vor Rückkehr in die europäische Spitze
Historische Ausmaße

Die deutschen Volleyballerinnen überraschen bei der Europameisterschaft in der Türkei und stehen vor dem Einzug ins Halbfinale.

ANKARA. Wenige Tage vor Beginn der Europameisterschaft der Volleyballerinnen in Ankara meldete sich ein aufgeregter Anrufer bei der Fachzeitschrift "Volleyball-Magazin" in Münster. Was denn mit Nationalspielerin Sylvia Roll los sei, wollte der Mann wissen. Die sei doch so gut, und wenn sie verletzt sei, dann müsste es doch Ärzte geben, die ihr helfen könnten. Ein gutes Abschneiden der Deutschen bei der EM ohne den Star Roll war für den Anrufer undenkbar. Doch Roll war gar nicht verletzt, sie hatte sich schlicht nicht zu einem Comeback in der Nationalmannschaft überreden lassen. Ihre Kolleginnen überzeugen in der Türkei auch ohne sie.

Drei 3:0-Siege gegen die Slowakei, gegen Rumänien und Serbien-Montenegro waren die Pflicht, jetzt kommt die Herausforderung. Gelingt heute gegen Russland oder morgen gegen die Türkei ein Sieg, hätten Deutschlands Volleyballerinnen das Halbfinale der Europameisterschaft erreicht. Es wäre nach dem WM-Desaster von 2002, als die Auswahl des Deutschen Volleyball-Verbandes die Finalrunde der besten acht in Berlin verpasst hatte, die Rückkehr in die europäische Spitze. Ein Erfolg gegen Russland hätte volleyball-historische Ausmaße. Bei 22 Europameisterschaften hatten die Russinnen 17 Mal den Titel gewonnen, und nur einmal standen sie nicht im Endspiel, 1995, als sie gegen die Deutschen Bronze gewannen. Dass Russland im Kampf um die Medaillen nicht dabei ist, ist im Frauen-Volleyball so undenkbar wie der Abstieg des FC Bayern München aus der Fußball-Bundesliga.

Doch der Titelverteidiger ist angeschlagen. Trainer Nikolai Karpol hat seine Asse Ekaterina Gamowa (erkrankt) und Eugenia Artamonowa (Rückenverletzung) bislang nicht einsetzen können. Nun hoffen die Deutschen, dass die beiden auch heute nicht auflaufen können. "Wenn eine von ihnen nicht spielt", sagt Bundestrainer Hee Wan Lee, "dann steigen unsere Chancen."

Auch die Türkei hat Russland überraschend mit 3:0 geschlagen und ist jetzt sogar ein Medaillenkandidat. Kurz vor EM-Beginn war Nationaltrainer Denis Edinsoy an einem Herzinfarkt verstorben. Das Team wird von 5500 Zuschauern in der Atatürk-Sporthalle um so frenetischer angefeuert. Die deutschen Spielerinnen zeigten sich nach Russlands Niederlage mächtig beeindruckt. "Puh, das wird ein heißer Tanz", sagt Spielführerin Angelina Grün, Italien-Profi in Bergamo.

Die Volleyballerin des Jahres ist wieder mal die Beste im deutschen Team. "Sie ist eine absolute Leitfigur", sagt Hee Wan Lee. "An ihr orientieren sich alle." So wie früher an den Italien-Profis Hanka Pachale, Susanne Lahme oder eben Sylvia Roll. Diese hat in Angelina Grün eine würdige Nachfolgerin gefunden. Das dürfte auch den aufgeregten Volleyballfan beruhigen.

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