Technik-Vorstand der Deutschen Telekom im Porträt
Gerd Tenzer: Der Herr der Netze

Gerade mal vier Monate ist es her, dass Gerd Tenzer als neuer Chef der Deutschen Telekom heiß gehandelt wurde. Jetzt findet seine Karriere bei dem Konzern wohl ein jähes Ende: Tenzer wird den Vorstand verlassen. Mit dem Gedanken hat er sich schon Anfang November angefreundet, berichten Vertraute.

Ihm sei schnell klar geworden: Unter Konzernchef Kai-Uwe Ricke gibt es bei der Telekom keinen Platz mehr für ihn. Daher hat er sich wohl schon mit Ricke darauf geeinigt, freiwillig abzutreten.

Damit sind Tenzers Tage im Telekom-Vorstand gezählt. Schon am kommenden Donnerstag könnte der Aufsichtsrat die neue Konzernspitze nach Rickes Plänen - ohne Tenzer - absegnen.

Der 59-Jährige ist der Dienstälteste im Führungsgremium der Telekom: Seit 1990 ist er dabei - als Technik-Vorstand. Der Mann mit dem SPD-Parteibuch hat bereits beim Bundespostministerium gearbeitet und bei der guten alten Bundespost, bevor diese in Post und Telekom aufgespalten wurde. An die Spitze des Konzerns hat er es nicht geschafft, auch wenn er immer wieder als Nachfolger für den ehemaligen Telekom-Chef Ron Sommer gehandelt wurde.

Er sei doch eher ein "Mann der zweiten Reihe", hatte er einst von sich selbst gesagt und so versucht, die Kronprinz-Debatte zu beenden. Ganz abgenommen hat man ihm das nie.

Und im Juli dieses Jahres hat er seine Ambitionen dann auch öffentlich nicht mehr geleugnet: Er wollte die Nachfolge von Sommer antreten, wie es ihm Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat nahe gelegt hatten. Daraus ist nichts geworden, Tenzer wurde für vier Monate neben Interimschef Helmut Sihler zweiter Mann. Doch seine Vorstandskollegen haben ihm allein den Versuch, Sommer zu beerben, bis heute nicht verziehen. Seitdem haftet Tenzer der Stempel des "Königsmörders" an.

Aber selbst für Kritiker ist unbestritten: In seinem Bereich hat der Technik-Vorstand gute Arbeit geleistet. Nicht umsonst wird er auch bei der Telekom "Herr der Netze" genannt; Siemens-Chef Heinrich von Pierer sieht in ihm das "technologische Gewissen der Telekom". Tenzer entwarf schon kurz nach dem Fall der Berliner Mauer einen Plan für den Bau eines modernen Telefonnetzes in den neuen Bundesländern. Und auch den superschnellen Internet-Zugang über DSL-Technik hat der Diplom-Ingenieur forciert.

Gewerkschaftsmitglieder loben sein unverkrampftes Verhältnis zu den Arbeitnehmern. Der hagere Zwei-Meter-Mann mit dem Schmiss auf der Wange tritt sehr unprätentiös auf, immer sachlich und recht geradeheraus. Worthülsen und Marketingfloskeln sind ihm fremd.

Doch genau das sind auch seine Schwächen: "Er hat nicht das Charisma, das man für den Job des Telekom-Chefs bräuchte, und auch nicht die Erfahrung mit den Finanzmärkten", sagt einer, der Tenzer bereits seit Jahrzehnten kennt. Selbst seinen Anhängern fällt es offenbar schwer, sich vorzustellen, wie der Technik-Vorstand die Analysten umgarnt und die Fondsmanager für sich einnimmt, die Kleinaktionäre beruhigt und Visionen entwickelt. Tenzer wirke halt bis heute eher wie ein hochrangiger Beamte als ein dynamischer Manager. Das zeigt sich vor allem, wenn die Kamera auf ihn gerichtet ist: Dann wirkt er besonders steif und hölzern.

Doch allzu häufig gab es solche Auftritte ohnehin nicht mehr. Denn schon Sommer hatte Tenzer im Frühjahr 2001 entmachtet. Der damalige Telekom-Chef krempelte den Vorstand um und nahm Tenzer seine Verantwortung für das klassische Festnetzgeschäft, die größte Sparte und Cash-Cow des Unternehmens. Fortan hatte Tenzer im Grunde nur noch dafür zu sorgen, dass die Netze funktionieren. Für die Vermarktung waren andere zuständig.

Schon früher galt Tenzer nicht gerade als Gefolgsmann Sommers, obwohl er gegen seinen Kurs nicht offen opponierte. Spätestens mit dem Vorstandsumbau war aber klar, dass das Verhältnis zwischen den beiden gestört war.

Für die politisch etwas heikleren Missionen mochte Sommer seinen Tenzer aber doch nicht missen. In solchen Fällen - wie beispielsweise dem Verkauf des TV-Kabelnetzes der Telekom - schickte er Tenzer immer vor. Bei dem Versuch, das Kabel für 5,5 Mrd. Euro an den US-Konzern Liberty loszuwerden, hat Tenzer zwar bewiesen, dass er durchaus auch große Deals einfädeln kann. Letztlich ist er aber doch am Veto des Bundeskartellamtes gegen den Verkauf gescheitert.

Ein erneuter Versuch ist im Gange: Noch ist nicht entscheiden, welches von drei Finanzkonsortien, die in die engere Wahl kamen, den Zuschlag für das TV-Kabelnetz bekommt. Diese Aufgabe wird Tenzer wohl zu Ende bringen, bevor er mit einem goldenen Handschlag verabschiedet wird. Denn sein Vertrag läuft erst in etwa eineinhalb Jahren aus.

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