Technikwunder und Tragödie
Der ICE wird 10 Jahre alt

dpa BERLIN. Er ist das Paradepferd der Bahn und steht zugleich für das schlimmste Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik: Seit zehn Jahren rast der Intercity Express (ICE) auf eigenen Trassen quer durch die Republik. Mehr als 200 Mill. Fahrgäste haben seitdem die weißglänzenden Hochgeschwindigkeitszüge benutzt. Weitere Verbindungen sind geplant. Und mit jedem Kilometer scheint sich der ICE ein Stück mehr zu entfernen vom Trauma Eschede, bei dem im Juni 1999 in den Trümmern des ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" 101 Menschen starben.

Fast 20 Jahre Entwicklungsarbeit lagen hinter den Ingenieuren, als der erste ICE am 2. Juni 1991 zur Jungfernfahrt von Hamburg nach München startete. "Wir sprachen damals von einem neuen Zeitalter. Das war ähnlich wie heute die Diskussion um den Transrapid", erinnert sich Heinz Kurz, der damals für die Bahn das Projekt ICE leitete. Nach Frankreich und Japan wollte auch die damalige Bundesbahn in die Ära der prestigeträchtigen Hochgeschwindigkeitszüge einsteigen.

Mit 400 km/h über die Teststrecke

Drei Jahre vor der ersten fahrplanmäßigen Abfahrt hatte eine Experimentalversion des ICE die Marke von 400 Stundenkilometern durchbrochen. Damit die Schienen-Kolosse auch im Alltag durchstarten konnten, entstanden Milliarden-teure Neubaustrecken. Zwischen Hamburg und Frankfurt etwa schrumpfte die Fahrtzeit von fünfeinhalb auf dreieinhalb Stunden.

Heute ist der ICE mit täglich rund 114 000 Passagieren zum Rückgrat des Fernverkehrs geworden. Zur ICE-Familie gehören mehr als 200 Schnellzüge in fünf Versionen. Die jüngste und mit Tempo 330 schnellste, den ICE 3, preisen die Hersteller als das am weitesten entwickelte Schienenfahrzeug weltweit. Nachdem jahrelang dem französischen Konkurrenten TGV im Ausland der Vorzug gegeben worden war, entschied sich die spanische Staatsbahn vor wenigen Wochen für den ICE 3, der extra so konstruiert ist, dass er überall in Europa eingesetzt werden kann. Zum runden Geburtstag beginnt der ICE, sich zu einem Exportschlager zu mausern.

Nächste Generation bereits in Planung

Die nächste Generation des ICE wird bereits diskutiert - sie könnte eine Mischung aus ICE und TGV sein. Die beiden größten europäischen Bahnen in Deutschland und Frankreich wollen ein gemeinsames Produkt. Zwischen Siemens und dem französischen Konkurrenten Alstom laufen derzeit Gespräche. Wesentlich schneller wird aber auch ein möglicher ICE vier kaum sein. "Da sind einfach der Physik gewisse Grenzen gesetzt", sagt Dietrich Möller, der bei Siemens - Verkehrstechnik für diesen Bereich verantwortlich ist. Der nächste Schritt in Sachen Schnelligkeit wäre der Transrapid.

Der ICE hat seinen Ruf als schnelles und sicheres Verkehrsmittel heute größtenteils zurückerobert, auch wenn juristische Fragen nach dem Unglück von Eschede noch immer ungeklärt sind. Wegen eines gebrochenen Radreifens war der ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" am 3. Juni 1999 nahe der niedersächsischen Ortschaft entgleist und gegen eine Bahnbrücke geprallt. Inzwischen ist der Schrecken weitgehend gewichen, auch wenn mancher Fahrgast unterschwellig noch auf verdächtige Geräusche achtet. "Der ICE ist das mit Abstand sicherste Verkehrsmittel", sagt der Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn, Frank von Meißner.

Jeder dritte Fernzug ist ein ICE

Mit seinem futuristischen Design und den Tempo-Anzeigen in jedem Waggon setzt der ICE auf die Magie der Technik. Das habe viele neue Kunden angelockt, sagt von Meißner. "Früher galt Bahnfahren als etwas Altmodisches." Vom Mythos des ICE will die Bahn künftig auch die "normalen" Fernzüge profitieren lassen. Intercity, Eurocity und Interregios bekommen in diesen Monaten mit weißem Grund und rotem Längsstreifen einen Anstrich wie ihr schneller Verwandter.

Die Bahn will künftig mehr Städte mit dem ICE anfahren und vor allem die Sprinter-Verbindungen ohne Halt auf langen Strecken ausbauen. 41 neue Züge für 1,3 Mrd. DM stehen bis 2004 auf der Einkaufsliste. Schon jetzt ist jeder dritte Fernzug ein ICE. Kritiker warnen allerdings vor Einseitigkeit. Der ICE habe auch preiswertere Intercity oder Interregios verdrängt, für die es Bedarf gebe. Außerdem brächten Hochgeschwindigkeitszüge nur wenig, wenn Reisende lange auf Anschlusszüge warten müssten.

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