Technischer Defekt
Verdrängen bis zum nächsten Crash

Der schwere Unfall von Ralf Schumacher zeigt, dass die Formel1 nicht so sicher ist, wie Fahrer und Techniker es sich einreden.

MONZA. Sein Williams-BMW hatte sich bei den Testfahrten in Monza am Dienstagabend mehrfach seitlich überschlagen. Doch am Morgen danach klagte Ralf Schumacher in einer Mailänder Klinik nur über Kopfschmerzen. Die Ärzte stellten eine Gehirnerschütterung fest und schickten den Formel-1-Fahrer nach Hause, nach Salzburg. Bis Montag soll Ralf Schumacher sich schonen, sein Einsatz beim Rennen in Monza in zehn Tagen ist wohl nicht gefährdet.

Ein glimpflicher Ausgang eines Unfalls, von dem Williams-Chefingenieur Sam Michael sagt: "Es war nicht Ralfs Fehler, sondern ein technischer Defekt. Was genau, das müssen wir noch klären." Zunächst deutete einiges auf einen weggebrochenen Heckflügel hin, möglich ist aber auch, dass eine Aufhängung brach.

Für die weiteren Tests brachte Williams ein neues Auto an die Strecke. Testfahrer Marc Gené übernimmt Schumachers Job. Denn in der WM-Endphase gilt jeder Testkilometer, es wird alles bis auf das Letzte ausgereizt. Mit zu hohem Risiko für die Piloten? Der Defekt am Williams, die gebrochene Aufhängung am Ferrari von Rubens Barrichello beim Großen Preis von Ungarn, der dort weggebrochene Heckflügel am Jordan von Ralph Firman - geht die Formel 1 in ihrer Suche nach immer höheren Geschwindigkeiten über die letzten Grenzen?

Fahrer und Techniker sehen das nicht unbedingt so - in der Formel 1 seien schließlich immer die Grenzbereiche ausgelotet worden, "und eigentlich ist früher ja sogar mehr gebrochen, weil weniger Hochtechnologie und Berechnung dahinter stand", sagt Norbert Kreyer, derTechnische Direktor von Toyota. Auch Juan Pablo Montoya, Ralf Schumachers Kollege bei Williams-BMW, bleibt gelassen: "Dass ab und zu mal was kaputt geht, das gehört zur Formel 1 dazu."

Ernsthaft verletzt hat sich seit Mika Häkkinen 1995 in Australien niemand mehr. Die tödlichen Unfälle von Ayrton Senna und Roland Ratzenberger 1994 haben nur vier der heutigen Formel-1-Fahrer miterlebt: Michael Schumacher, Rubens Barrichello, Heinz-Harald Frentzen und Olivier Panis. Viele Errungenschaften der vergangenen Jahre vermitteln das Gefühl, es könne nicht viel passieren: Die Kohlefaser-Monocoques, deren Stabilität immer wieder in Crashtests geprüft wird, verformen sich kaum mehr. Dazu kommen immer weiter perfektionierte Sechspunkt-Gurt-Systeme, leichte, aber stabile Helme und höher gezogene Cockpitwände, die die Fahrer vor herumfliegenden Teilen und Rädern schützen.

Dennoch gibt es Warnungen von Ärzten, dass bald zwar die Autos die Unfälle überstehen würden, der Organismus der Fahrer dann aber den auftretenden Kräften nicht mehr genug Widerstand entgegensetzen könne. Dass die jetzige Stimmung vor 1994 schon einmal herrschte, wird verdrängt. Der Schweizer Marc Surer zog sich 1980 und 1982 in der Formel 1 zweimal schwere Beinbrüche zu. 1986 erlitt er bei einem Rallye-Unfall, bei dem sein Beifahrer Michel Wyder starb, schwere Verbrennungen. "Das ist jetzt die gleiche Illusion wie vor den Unfällen von Senna und Ratzenberger", sagt Surer. "Aber irgendwann muss nur mal jemand ein Rad an den Kopf kriegen - und dann werden alle dastehen und fragen, wie konnte das nur passieren." Doch Marc Surer weiß genau, wie es zu solchen Situationen kommen kann. "Klar hat man diesen Mechanismus, der einem sagt, mir passiert das nicht. Man muss so denken, sonst kann man diesen Job nicht machen."

Quelle: Handelsblatt

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