"Teenage Mutant Ninja Turtles" als Vorbild
„Turtles“ schuften wie die Pferde

Der nächste Chief Executive, eines der größten Unternehmen der Welt, dürfte eine Schildkröte sein. Zu einer Zeit, in der Anwärter auf den Chefsessel aus dem eigenen Hause mehr und mehr als Belastung empfunden werden, zieht sich BP Plc in einem ungewöhnlichen Programm sogar selbst solche Aspiranten heran.

Wer die flinken Schildkröten der populären Zeichentrickserie "Teenage Mutant Ninja Turtles" aus den 80er-Jahren kennt, weiß, woher die Bezeichnung kommt, mit der bei BP junge, talentierte Hoffnungsträger belegt werden: den kampferprobten "Turtles" wird eine ungewöhnliche Nähe zur obersten Führungsriege gestattet.

Initiator des Programms ist Lord Browne, der Chief Executive der Erdölgesellschaft. Für ihn arbeiten zwei Turtles. Außer in die Verhandlungen mit dem Aufsichts-Board sind seine Schildkröten in alles eingeweiht, was er tut. Von Fusionen bis zu Transaktionen über mehrere Milliarden Dollar mit Erdöl produzierenden Ländern, von Umstrukturierungen bis zu Entlassungen - die Schildkröten erfahren alles aus erster Hand. Und später ziehen sie aus, um selbst andere Bereiche von BP zu leiten.

"Auf der einen Seite ist es ein Hundeleben", sagt Sumantra Ghoshal, Professor an der London Business School, der eine Fallstudie über die Ausbildung von Führungskräften bei BP in seinen Seminaren einsetzt. "Aber was die Nähe zur Führungsriege angeht, kann man es nicht besser treffen."

"Es ist ein Job mit ziemlich hohem Risiko und hoher Belohnung, der persönliche Opfer verlangt," urteilt Ex-Turtle Mark Ware, Vice President für Kommunikation bei BP. Er verweist auf grausam lange Arbeitstage und großen Stress, denen ein Turtle unter Lord Browne ausgesetzt ist.

Die meisten multinationalen Unternehmen haben formelle und informelle Wege, talentierte Manager zu fördern. Sie werden dabei oft von Business Schools und Managementberatern unterstützt. Aber wenige Konzerne machen die für die besten Jobs Auserwählten innerhalb ihrer Organisation so offen bekannt oder gestatten ihnen einen Einblick in den Prozess der Entscheidungsfindung auf der obersten Ebene aus so großer Nähe und so früh in ihrer Karriere.

Der Wettbewerber Royal Dutch/ Shell Group setzt auf ein konventionelleres Ausbildungsprogramm. Sind die jungen Talente erst einmal gefunden, werden sie rund um die Welt auf einer Vielzahl von Stellen mit steigendem Verantwortungsgrad eingesetzt. "Wir haben in den letzten hundert Jahren herausgefunden, dass der Einsatz der Leute auf unterschiedlichen Posten und in unterschiedlichen Ländern den Grundstein für die dauerhafte Talentförderung legt", meint Clive Mather, Leiter der Division-Globale-Ausbildung bei Shell.

BP sucht sich Leistungsträger mit Turtle-Potenzial über formelle und informelle Netzwerke aus. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich sie vorher schon getroffen habe",. Meist habe ich sie vorher schon einmal gesehen", sagt Lord Browne. "Dann bekomme ich eine Leistungseinschätzung von ihren Vorgesetzten und frage meine zwei derzeitigen Turtles nach ihrer Meinung. Ich lade die Kandidaten zu einem Gespräch ein und entscheide."

Die Suche nach Talenten in einem Unternehmen dieser Größe ist eine Herausforderung, meint J. Robinson West, Chairman der Branchenberatung Petroleum Finance Co. in Washington. Billigt dem "Schildkrötensystem" zu, bei der Suche nach Talenten und bei ihrer Ausbildung hilfreich zu sein - eine Herausforderung für ein Unternehmen dieser Größe. BP arbeitet in mehr als 100 Ländern und verbuchte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 174,2 Milliarden Dollar. "Es kann nur hilfreich sein, wenn man auf dem Weg nach oben auch einen breiten Überblick von der Spitze aus bekommt", meint West. "Und John Browne kann sie gleich genau unter die Lupe nehmen, wenn sie noch relativ jung sind."

Vor ein paar Jahren seien die Investoren besorgt über die Qualität der Führungsebene und über die Nachfolge bei BP gewesen, berichtet J.J. Traynor, Erdölanalyst bei der Deutschen Bank in Schottland. "Aber jetzt kann man gleich eine ganze Bandbreite an Kandidaten im Unternehmen ausmachen."

Turtles sind sich bewusst, dass die Macht, die von einer zweijährigen Symbiose mit Lord Browne ausgeht, nur vorübergehend ist. Nach ein paar Jahren werden sie auf eine andere Stelle versetzt.Gleichzeitig kann sie im Umgang mit den anderen Kollegen in der Firma gefährlich werden. "Sag niemals, John Browne will dies oder das. Da muss man schon ein wenig subtiler vorgehen," sagt Meggs, Leiter der Technologie-Division. Turtle-Erfinder Lord Browne, 54, will jedenfalls im Unternehmen bleiben, bis er das bei BP vorgeschriebene Pensionsalter von 60 Jahren erreicht hat. Aber dann, sagt Lord Browne, sind "die Chancen ziemlich groß, dass mein Nachfolger ein Turtle gewesen ist".

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