Teile-Verkauf soll Zivilklagen finanzieren
Andersen kämpft an mehreren Fronten

Der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen droht nach der Strafanzeige des US-Justizministerium auf der zivilrechtlichen Seite die nächste Gefahr. Das nötige Geld, um sich mit den Klägern einigen zu können, wird aber knapp, weil immer mehr Kunden zur Konkurrenz wechseln.

WASHINGTON. "Andersen ist tot, mehr als tot", sagt Michael Lau, Investmentbanker von Credit Suisse First Boston (CSFB) in New York. In der amerikanischen Finanzszene glauben immer weniger ans Überleben der angeschlagenen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Ed Ketz, Professor an der Pennsylvania State University, ist einer der wenigen. Er schätzt die Chancen nach den jüngsten Entwicklungen besser ein - auf 50 zu 50. "Wenn Andersen allerdings schuldig gesprochen wird, ist es das Ende", sagt der Wirtschaftsprüfungsexperte.

Die Arthur Andersen LLP versucht daher an allen Fronten die Klagen, die gegen sie laufen, aufzuhalten. Nach langem Drängen führt sie Gespräche mit dem US-Justizministerium. Es hatte Strafanzeige gestellt, nachdem Andersen-Mitarbeiter Akten des Pleite gegangenen Energiehandelskonzern Enron vernichtet hatten.

Auf der zivilrechtlichen Seite droht aber die nächste Gefahr: Privatanleger und institutionelle Investoren, wie etwa Pensionsfonds, fühlen sich betrogen, nachdem sie ihr Geld mit Enron-Papieren verloren haben. Die Rechtsanwaltskanzlei Milberg, Weiss, Bershad, Hynes & Lerach LLP, Nummer 1 bei Sammelklagen in den USA, hat die Chance frühzeitig erkannt und sich den Fall gesichert. Gestern reichten die Anwälte eine überarbeitete Klageschrift ein.

Dass sich die Enron-Geschädigten nicht nur auf Klagen gegen Enron beschränken würde, war klar: Bei einer bankrotten Firma gibt es für die Anleger schließlich nichts mehr zu holen. Statt dessen sind nun auch zehn Investmentbanken mit angeklagt, darunter die Deutsche Bank. Sie sollen in Partnergesellschaften von Enron investiert haben und so wissentlich zum Bankrott beigetragen haben, argumentieren die Anwälte. Von der Deutschen Bank in Frankfurt gab es auf Anfrage keine Stellungnahme.

Auch die Dresdner Bank hat über ihren Ableger Dresdner Kleinwort Benson in eine Partnergesellschaft investiert. Sie ist jedoch bisher nicht angeklagt.

Anders dagegen Andersen. Neben dem strafrechtlichen Prozess droht dem Unternehmen also auch die zivilrechtliche Anklage. Andersen drängt auch hier auf eine außergerichtliche Einigung. Schon im vergangenen Monat hatte das Unternehmen 750 Mill. $ geboten. Milberg, Weiss, Bershad, Hynes & Lerach lehnte aber ab. Nun stehen nur noch 300 Mill. $ zur Diskussion. Nachdem immer mehr Kunden von Andersen zur Konkurrenz gewechselt sind, geht dem Unternehmen offenbar das Geld aus.

Als Ausgleich verkauft Andersen mittlerweile ganze Bereiche seines Unternehmens: Die Steuerprüfung geht zum Großteil an Konkurrent Deloitte & Touche. KPMG hat bereits einen Vorvertrag unterschrieben, um rund 400 Partner und ihre Mitarbeiter zu übernehmen. So komme das Unternehmen vielleicht wieder an Gelder, um die Klagen beizulegen, sagt Branchenexperte Ketz. Andersen hat zudem die Investment Bank Gleacher Partners eingeschaltet. Sie soll beim Ausverkauf, der Bestandteil des sogenannten Volcker-Plan ist, helfen.

Paul Volcker, ehemaliger Chef der US-Notenbank Fed wurde als Vorsitzender eines unabhängigen Aufsichtgremiums einberufen, und hat die Neustrukturierung eingeleitet: Ein neues Management soll Andersen zu den Ursprüngen zurückführen, die Konzentration auf die Wirtschaftsprüfung.

Das Unternehmen wird in kleine Happen zerschlagen. Die nächsten Schritte der Führung in Chicago sind die Trennung vom Beratergeschäft und Entlassungen: Der Abbau von 7 000 Mitarbeitern wurde Ende vergangener Woche angekündigt. Die endgültige Entscheidung steht aber noch aus. "Die große Mehrheit der Andersen-Mitarbeiter sind sehr talentiert. Sie werden keine Probleme haben, einen neuen Job zu finden", beruhigt Wirtschaftsprofessor Ketz.

Doch auch mit dem Ausverkauf hat sich Arthur Andersen Feinde gemacht und für den nächsten Gerichtstermin gesorgt: Eine Gruppe von Versicherern, die eine Sammelklage gegen Andersen anstreben, will den nationalen und internationalen Ausverkauf stoppen. Das Konsortium unter Führung von American National Insurance fürchtet, dass es am Ende bei Andersen "nichts mehr übrig bleibt, das man bekommen kann", wie ihr Anwalt Andrew Mytelka erklärt. Gestern traf man sich im Gerichtssaal.

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