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Telefonieren ohne Reue...

...können die griechischen Parlamentarier. Jedenfalls was die Gebühren betrifft. Wer die Telefonrechnung nicht bezahlt, hört früher oder später kein Freizeichen mehr. Dann ist die Leitung tot. So geht es säumigen Zahlern auch in Griechenland.

...können die griechischen Parlamentarier. Jedenfalls was die Gebühren betrifft.

Wer die Telefonrechnung nicht bezahlt, hört früher oder später kein Freizeichen mehr. Dann ist die Leitung tot. So geht es säumigen Zahlern auch in Griechenland. Die staatlich kontrollierte Fernmeldegesellschaft Hellenic Telecom (OTE) kappt den Anschluss nach etwa drei Wochen, wenn ein Teilnehmer die Rechnung ignoriert.

Es sei denn der Kunde ist Abgeordneter des griechischen Parlaments. Staunend lasen die Griechen jetzt in den Zeitungen, dass ihre Volksvertreter nicht nur rund 100 000 Euro im Jahr an Diäten kassieren, was für griechische Verhältnisse eine Menge Geld ist. Die "Väter der Nation", wie die Abgeordneten mit einem spöttischen Unterton genannt werden, genießen auch das Privileg, kostenlos zu telefonieren. Und zwar auf nicht weniger als acht Anschlüssen. So bestimmt es die Geschäftsordnung des Parlaments. Damit ist die fernmündliche Versorgung ganzer Großfamilien gesichert. Einzige Beschränkung: die Abgeordneten dürfen bis zu 60.000 Einheiten jährlich verquasseln. Dafür kann man zwar sehr lange reden. Aber vielen Volksvertretern reicht dieses Quantum nicht. Sie vertelefonieren 100.000 oder gar 150.000 Einheiten. Folgen hat das nicht. Weder werden sie von der Fernmeldegesellschaft zur Kasse gebeten, noch müssen sie befürchten, dass eine ihrer acht Leitungen gekappt wird.

Panayis Vourloumis, dem Vorstandschef von Hellenic Telecom, ist dieser Missbrauch ein Dorn im Auge. Der konservative Ministerpräsident Kostas Karamanlis hatte nach seinem Wahlsieg im März vergangenen Jahres den Ex-Banker Vourloumis mit der Führung des Unternehmens betraut. Der 67-Jährige steht vor keiner leichten Aufgabe. Die Fernmeldegesellschaft ist strukturiert wie eine Behörde, die Produktivität ist im internationalen Vergleich gering. Früher gehörte der einstige Monopolist zu den wenigen profitablen griechischen Staatsunternehmen, inzwischen ist OTE ein Sanierungsfall: erstmals in der Firmengeschichte machte das Unternehmen 2004 im Kerngeschäft, der Festnetztelefonie, einen Verlust. Profitabel sind nur noch die Mobilfunktochter CosmOTE und einige Auslandstöchter im Balkanraum.

Vourloumis versucht, das Unternehmen zu einem wettbewerbsfähigen Telecom-Konzern umzubauen. Von den 18.000 Beschäftigten, die wegen ihres Beamten ähnlichen Status praktisch unkündbar sind, will er 5.200 in den Vorruhestand schicken. 2.500 Mitarbeiter sollen neu eingestellt werden - ohne Beamtenprivilegien. Das Sanierungsprogramm ist teuer. Es wird in den kommenden Jahren etwa 1,5 Mrd. Euro verschlingen. Vourloumis braucht also Geld - auch das der Abgeordneten.

Die haben allein im Zeitraum 2000 bis 2004 im Rahmen ihrer Frei-Einheiten 20,5 Mill. Euro vertelefoniert. Auf weitere 6,7 Mill. addieren sich die Gebühren für die darüber hinaus geführten Gespräche. Telecom-CEO Vourloumis fordert diese Gelder nun ein. Zahlen soll die Parlamentsverwaltung. Bei der Parlamentspräsidentin Anna Psarouda-Benaki stieß der OTE-Chef mit diesem Ansinnen allerdings auf wenig Verständnis. Die Frau Präsidentin reagierte pikiert, weil Vourloumis das Thema öffentlich gemacht hatte. Sie verwies den Telecom-Manager in einem knappen Schreiben an den Finanzminister, der "für die Angelegenheit zuständig" sei. Nun muss der überlegen, ob er die Außenstände der Fernmeldegesellschaft begleicht.

Die Abgeordneten selbst für ihre Telefonate zur Kasse zu bitten, kommt kaum in Frage. Das Privileg des kostenlosen Quasselns ist nämlich in der griechischen Verfassung verbrieft. Artikel 63 bestimmt: "Die Abgeordneten genießen Gebührenfreiheit bei der Benutzung der Verkehrsmittel, der Post und des Telefons".

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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