Telekom auf Sparkurs
Kommentar: Sommers Offenbarungseid

Die unerwartete Dividendenkürzung der Deutschen Telekom kommt einem Offenbarungseid ihres Chefs Ron Sommer gleich. Bis vergangene Woche lächelte der Daueroptimist alle Bedenken über mögliche finanzielle Risiken seines Unternehmens gnadenlos nieder. Dass ihm 5,5 Milliarden Euro aus dem geplatzten Kabelverkauf an Liberty fehlen, dass die Lage an den Finanzmärkten denkbar schlecht ist für einen Börsengang der Mobilfunksparte T-Mobile und deshalb auf absehbare Zeit die eingeplanten 10 Milliarden Euro nicht hereinkommen: Sommer nahm?s lässig und sprach lieber davon, wie wunderbar sein Konzern nach der Umbau- und Durststrecke am Ende des Jahres 2004 aussehen werde.

Am Dienstag zeigte sich, dass die Telekom-Welt doch nicht ganz so magentarosa ist, wie Sommer sie zeichnete, und dass Visionen für eine strahlende Unternehmenszukunft die Härten der Gegenwart nicht einfach verschwinden lassen. Angesichts der tiefroten Bilanz des vergangenen Jahres ist es nur vernünftig, die Dividende zu kürzen, wenn man sich nicht traut, sie den enttäuschten Aktionären gleich ganz zu streichen. Niemand hätte eine niedrigere Dividende als böse Überraschung empfunden, wenn Sommer in den letzten Wochen solche Überlegungen nicht stets brüsk zurückgewiesen hätte. Er sprach im Gegenteil lieber von der Bedeutung kontinuierlicher Dividendenzahlungen für das Aktionärsvertrauen. Eine weitaus höhere Bedeutung für Aktionäre hat jedoch die Übereinstimmung von Reden und Handeln der Manager eines Unternehmens. Die Quittung bekam Sommer gestern, wie der Kursrutsch zeigte. Es gibt schließlich viele Gegenbeispiele von Unternehmen, deren Sparprogramme den Aktienkurs beflügeln.

Anleger begegnen der Telekom jedoch mit wachsendem Misstrauen. Ihr Sparprogramm ist zwar richtig: Investitionen zurückzufahren, intern Kosten zu senken und Randaktivitäten etwas schneller zu verkaufen. Weil Sommer jedoch stets betont hat, dass die Telekom all dies nicht nötig habe, fragen sich die Anleger jetzt, was wohl als Nächstes auf sie zukommen wird.

Allerdings wäre es weitaus schlimmer für das Unternehmen, wenn die Telekom die Reißleine der Dividendenkürzung nicht gezogen hätte. Das 1. Quartal dieses Jahres verlief nach dem Drehbuch für das Worst-Case-Szenario. Es ging schief, was schief gehen konnte. Die Finanzmärkte erholten sich für Telekommunikationswerte nicht, wie zu Weihnachten noch die meisten Analysten meinten. Die Global- Crossing-Pleite in den USA verdarb die Stimmung so nachhaltig, dass eine regelrechte Kapitalflucht aus der Branche einsetzte. Das trifft in abgeschwächter Form auch Börsenpläne der Telekom, obwohl die früheren europäischen Monopolanbieter bereits als die Gewinner der Marktbereinigung feststehen. Mit einem Börsengang von T-Mobile im ersten Halbjahr hat daher niemand mehr gerechnet, zumal Sommer den Aufschub bereits angedeutet hatte.

Auf das Platzen des Kabelverkaufs jedoch hätten sich die Telekommanager lange vorbereiten können. Das Bundeskartellamt, das den Verkauf untersagte, hat seine Bedenken Monate vor der Entscheidung deutlich gemacht. Und Käufer Liberty hat ebenso deutlich gezeigt, dass er an den entscheidenden Punkten nicht zu Kompromissen bereit war. Das unerwartete Sparprogramm zeigt also, dass die Telekom nicht darauf vorbereitet war, dass weder der Kabelverkauf noch der Börsengang so umgesetzt werden können wie geplant.

Das Jahr 2002 wird also deutlich schwieriger für die Telekom als zunächst erwartet. Den Mitarbeitern steht ein harter Sparkurs bevor, denn die Nicht-Kerngeschäftsaktivitäten außer den Immobilien wurden bereits letztes und vorletztes Jahr verkauft. Sommer wird also zeigen müssen, ob er neben der Rolle des Globalisierers auch die des Sanierers beherrscht. Sein Arbeitsplatz jedenfalls ist mit dem Offenbarungseid nicht sicherer geworden.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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