Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke
Der Tag des zahmen Aktionärs

Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke gibt sich auf der Hauptversammlung bodenständig und verständnisvoll.

HB KÖLN. Als der Tag beginnt, ist Kai-Uwe Ricke, 41, für viele seiner Arbeitgeber ein Unbekannter. "Ich kenne den gar nicht", sagt Telekom-Aktionärin Karin Baade und zieht die Mundwinkel zu einem entschuldigenden Lächeln nach oben. Gemeinsam mit ihrem Mann ist die Vorruheständlerin aus Kiel angereist, hat sich ein elegantes graues Kostüm angezogen, und jetzt sitzt sie schon eine Stunde vor Beginn der Hauptversammlung in der ersten Publikumsreihe der Kölnarena. Sie will den Neuen aus der Nähe sehen.

Auch der Industriekaufmann hinter ihr kennt den Vorstandschef der Deutschen Telekom "nicht so genau". Aber er hat Vertrauen, wenn auch auf der Basis verzerrter Fakten. Schließlich habe Ricke "ja bei der Tochter T-Online gute Arbeit gemacht", sagt der Mittdreißiger.

Seit sechs Monaten lenkt Kai-Uwe Ricke jetzt Europas größten Telekomkonzern. Der frühere Chef der Mobilfunktochter T-Mobile hat das Unternehmen übernommen, als die Telekom am Boden lag: 64 Milliarden Euro Schulden, ein Rekordverlust von fast 25 Milliarden Euro, ein Aktienkurs, der seit dem Höchststand im Frühjahr 2000 rund 90 Prozent gesunken war.

Schnell durchgegriffen

Ricke hat schnell durchgegriffen: Er hat die Schulden um acht Milliarden Euro gesenkt, den Vorstand umgebaut, sein Gehalt offen gelegt, und selbst bei der Hauptversammlung hat er so gespart, dass sich ein Aktionär über akuten Brötchenmangel beklagt. Ricke hat den ersten Quartalsgewinn seit knapp zwei Jahren erzielt - und das mit einer Strategie, die zum Teil schon seine Vorgänger Ron Sommer und Helmut Sihler eingeleitet haben.

Die Analysten loben Rickes Kurs bereits. Die Medien schreiben von Klimawechsel und Durchsetzungsstärke. Aber wie die 7000 Aktionäre in der längst nicht gefüllten Kölnarena reagieren werden, das weiß Ricke nicht, als er um 10.30 Uhr ans Rednerpult tritt. Vornübergebeugt, die Hände auf das Pult gestützt, die wuchtige Stirn in Richtung Aktionäre gesenkt, verheißt er Besserung. "Wir haben die Wende eingeleitet, aber unsere Aufgabe haben wir noch lange nicht beendet", sagt er - und schlägt dreimal mit der geballten Rechten in die Luft.

Bodenständig und verständnisvoll

Ricke gibt sich bodenständig und verständnisvoll. Weg von den technischen Begriffen, den vielen Anglizismen und technischen Kürzeln, näher an den Kunden und ihren Problemen. "Unser Service wird kritisiert, jeder hat so seine Erfahrungen damit gemacht, ich auch", sagt er und hat schon eine Runde Applaus und jede Menge Sympathiepunkte eingeheimst. Kunde, Kunde, Kunde, fast 40 Mal kommt das Wort in den 31 Seiten Redemanuskript vor. Ricke spricht zum Volksaktionär, nicht zum Großanleger.

Die Aktionäre klatschen selbst an den Stellen, für die Ron Sommer vor einem Jahr noch Hohn, Spott und Buhrufe geerntet hätte. Etwa wenn er in schönstem Marketingdeutsch ankündigt, "wir werden das führende innovative Dienstleistungsunternehmen der Branche", wenn er sagt, die Telekom könne für das vergangene Jahr keine Dividende zahlen. Oder wenn er seinen Vorgänger lobt, "die Deutsche Telekom hat Herrn Doktor Sommer auch viel Positives zu verdanken".

Keine Charmeoffensive notwendig

Ricke ist kein Schönredner, er startet keine Charmeoffensive, er lächelt nicht, seine Augen fixieren das Publikum ernst, aber entschlossen. Er kündigt an, sich seiner Aufgabe mit "Entschlossenheit und Leidenschaft" zu stellen - und die Leute glauben ihm. "Der Ron Sommer war ein Lackaffe", sagt ein Aktionär, der sich in der Lobby bei einer Tasse Kaffee vom Redemarathon erholt. "Der Neue ist ein moderner Manager." Es ist der Tag des zahmen Aktionärs.

Die Telekom hatte die Hauptversammlung mit Bangen erwartet. Bloß nicht wieder so ein Desaster wie im vergangenen Jahr: "Eine Zero-Defekt-Veranstaltung muss es werden", sagte ein Konzernvorstand am Vorabend. "Wir können nicht immer nur von Glaubwürdigkeit reden, wir müssen das auch nach außen darstellen."

Die Organisatoren hatten sich wieder auf das Schlimmste vorbereitet. Ein halbes Dutzend Personenschützer in die erste Reihe platziert, ein Bauzaun weit vor der Glasfassade der Kölnarena, Sicherheitsschleusen, Metalldetektoren. Um die Redner zu disziplinieren, hatten die Organisatoren am Pult eine große Digitaluhr angebracht.

Aktienkurs kaum noch Thema

Schnell wird klar, dass der Tag gut läuft für Ricke. Der Aktienkurs ist kaum noch ein Thema, draußen vor dem Forum T-Aktie herrscht Leere. Die Aktionäre drängen sich lieber nebenan am Fanshop. Es gibt Trikots des FC Bayern zum Hauptversammlungs-Sonderpreis: 29,25 Euro statt 39 Euro.

Wenn es drinnen Kritik gibt, dann wird der Neue meistens ausgespart. Er genießt einen Sympathiebonus. Geklagt wird über die alten Streitthemen: die zu hohe Bewertung des Immobilienbesitzes, die Art, wie der Aufsichtsrat Ron Sommer entmachtete, die Rolle der Bundesregierung bei der dritten Aktienemission, die ein Aktionär mit "Hütchenspielern" vergleicht.

66,50 Euro hat Hans Krause aus Lohmar im Juni 2000 für neue T-Aktien bezahlt. Jetzt sitzt der Pensionär im Publikum und beugt sich zu seiner Frau herüber: "Christa, fühlst du dich betrogen?" "Ja." Aber nicht von Ricke, stellt sie klar.

Es sind Aktionäre wie die Krauses, die jetzt in einer 50 Meter langen Schlange bei Lars Labryga anstehen. Der Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre hat Werbung in eigener Sache gemacht: Am 26. Mai laufe die Verjährungsfrist für Prospekthaftungsklagen wegen des dritten Börsengangs ab. Wer noch auf Schadensersatz klagen wolle, könne sich ja an ihn wenden.

Kai-Uwe Ricke verzieht vorne auf dem Podium keine Miene. Es ist nicht einfach, aus seinem Gesicht schlau zu werden. Konzentriert blickt er, aber die starren Züge verraten kaum etwas über seine Stimmung. Ein Lächeln huscht auf sein Gesicht, als er seine Rede beendet.

Dann setzt er wieder seine undurchsichtige Standardmiene auf. Der Mann ist noch nicht am Ziel: "Wir erwarten viel von Ihnen", sagt eine Aktionärin. "Bitte enttäuschen Sie uns nicht."

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