Telekom
Kommentar: Kurze Strippe

Der barocke Franke diente viele Jahre als Minister für das Post - und Fernmeldewesen, als die Telefone noch mit Drehscheiben bedient und von Berufsbeamten in grauen Behörden mit Verwaltungsbescheiden zugeteilt wurden: Gott sei ihrer armen Seele gnädig. In unserer heutigen, magentaroten Telekomzeit kann man das Stücklen-Axiom getrost umkehren: Wo sich der Staat ins Post - und Telekomgeschäft einmischt, funktioniert bald gar nichts mehr.

Die erste Probe auf dieses Exempel lieferte die deutsche Politik im August 2000: Mit fiskalpolitisch begnadeten, wirtschaftspolitisch aber unglaublich dummen UMTS-Auktionen trieben die Politiker aller Parteien die gesamte europäische Telekomindustrie an den Rand des Ruins. Das zweite Beispiel für ökonomische Kurzsichtigkeit liefert gegenwärtig Gerhard Schröder in Sachen Ron Sommer: Es gibt viele gute Gründe, den glücklosen Chef der Deutschen Telekom in die Wüste zu schicken. Schröders Nanosekundenstrategen aber haben sich die falschen ausgesucht - und den falschen Zeitpunkt. Der Streit um den Telekom-Chef wird so zum wahltaktischen Sommer-Theater, das nicht nur dem Unternehmen selbst schaden wird, sondern allen anderen halbstaatlichen Konzernen in Deutschland auch. Ob Telekom, Post, Bahn oder sogar VW: Schröder signalisiert Managern und Märkten, dass es in den ehemaligen Staatsbetrieben immer noch um politische Entscheidungen geht, wenn es hart auf hart kommt. Alle Versuche, diese Konzerne als "ganz normale" kapitalistische Unternehmen zu präsentieren, kann man nun getrost wieder vergessen. Wenn man denn überhaupt jemals daran geglaubt haben sollte. Für die Kapitalmärkte heißt das: Sie werden Post und Telekom künftig mit einem kräftigen Politabzug bewerten. Und für die Suche nach einem Nachfolger für Ron Sommer heißt das: Kein vernünftiger Top-Manager wird sich auf einen Posten einlassen, der an der kurzen Strippe einer Parteizentrale hängt.

Es geht in diesen Tagen also um Ron Sommer, es geht durchaus aber auch um etwas viel Wichtigeres. Die privatisierten Unternehmen Post, Telekom und Bahn müssen endlich vollständig vor politischer Einflussnahme geschützt werden. Was nützt ein Aufsichtsrat, in dem keine Politiker sitzen, wenn sich im Zweifel doch ein politisch weisungsgebundener Finanzstaatssekretär telefonisch "zuschalten" lässt? Natürlich wäre es am allerbesten, wenn die Beteiligungen des Bundes möglichst schnell verkauft würden. Im Moment würden das die Aktienmärkte jedoch nicht verkraften. Deshalb brauchen wir dringend eine Zwischenlösung: Der Bund sollte seine Stimmrechte bei der Post und der Telekom unwiderruflich an Treuhänder abgeben. Nach dem geplanten Börsengang der Bahn sollte auch hier das Gleiche geschehen. Und in die Aufsichtsräte dieser volkswirtschaftlich so wichtigen Unternehmen gehören die besten Manager, die für dieses Mandat zu gewinnen sind. Wer immer es sein wird: Der nächste Chef der Deutschen Telekom sollte den Job nur annehmen, wenn die Politik die Weichen in diese Richtung stellt.

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