Telekom-Rechnungen in der Kritik
Teure Null-Sekunden-Gespräche

Einen Tag vor der Telekom-Hauptversammlung steht Telekom-Chef Ron Sommer neues Ungemach ins Haus. Die Telefon-Rechnungen der Telekom sollen nach Darstellung der Meckenheimer Einkaufsgemeinschaft Communitel praktisch durchgehend fehlerbehaftet sein.

WiWo/AP/dpa BONN/DÜSSELDORF. Dies habe die Überprüfung von 100 Millionen Verbindungsdatensätzen aus den Jahren 2000 und 2001 ergeben, sagte Communitel-Geschäftsführer Bernd Stötzel am Montag in Düsseldorf. Es fänden sich in den Rechnungen der Telekom 28 hauptsächliche Fehlerarten, berichtete Stötzel.

Allerdings ist Stötzel in Sachen Telekom-Rechnungen Partei: Seine als eingetragener Verein auftretende Firma wurde von der Telekom im vergangenen Jahr wegen säumiger Zahlungen auf 17,5 Millionen Mark verklagt worden ist.

Besonders unerklärlich sind nach Stötzels Darstellung und vorgelegten Auszügen aus den Abrechnungsdaten:



  • Gleichzeitig von einem Analoganschluss aus geführte Gespräche zur gleichen oder zu mehreren verschiedenen Rufnummern, obwohl von einem Analoganschluss technisch nicht mehrere Gespräche gleichzeitig geführt werden können.
  • Unterschiedliche Preise für angeblich gleichzeitig und gleich lang geführte Gespräche zu ein- und demselben Anschluss.
  • Gespräche von null Sekunden Dauer zu Preisen von bis zu 1300 Mark, bei denen noch dazu jeglich Angaben über Datum, Uhrzeit und Zielnummer fehlten.
  • Gebühren für nicht existierende Anschlüsse.



Auffällig sei zudem, dass sich bestimmte Fehler, zum Beispiel Dubletten, in bestimmten Monaten häuften, während andere von Communitel als Fehler beschriebene Vorgänge sich weitgehend gleichmäßig über die Monate verteilen. Und auffällig sei, dass die Fehler niemals zu Gunsten des Kunden aufträten, sondern immer zu Gunsten der Telekom, sagte Stötzel.

Die Auswertung von etwa 14 000 Anschlüssen bei Communitel lasse Rückschlüsse zu, dass die festgestellten Phänomene übertragbar seien auf alle gut 43 Millionen Telekom-Kunden, ob Geschäfts- oder Privatkunden, erklärte Öffentlichkeitsarbeiter Stefan Wichmann. Im Durchschnitt könnte jede Telefonrechnung etwa 25 Prozent zu hoch sein. Die Kunden sähen das im allgemeinen nicht, da nur 3,5 Millionen von ihnen bisher einen nicht teilanonymisierten Einzelverbindungsnachweis bezögen und damit überhaupt in der Lage seien, ihre Rechnungen zu überprüfen.

Regulierungsbehörde soll prüfen

Communitel kauft für nach eigener Angabe rund 14 000 im ganzen Bundesgebiet verteilte Anschlüsse Telekom-Leistungen zum Großkundenpreis ein und gibt diesen Vorteil an seine Mitglieder weiter, die dafür einen jährlichen Mitgliedsbeitrag zahlen.

Allerdings liegt das Unternehmen im gerichtlichen Streit mit der Telekom, die nach Angaben Stötzels noch Zahlungen von knapp 28 Millionen Mark fordert und über eine Teilsumme von 17,5 Millionen Mark bereits klagt. Die Telekom habe inzwischen alle Anschlüsse von Communitel auf deren Mitglieder zurück übertragen, so dass diese gegen ihren Willen jetzt wieder zum Standardtarif telefonieren müssten.

Telekom-Sprecher Hans Ehnert wies die Darstellung von Communitel als "absurd" zurück. Die Telekom stelle monatlich 50 Millionen Rechnungen aus; der Beanstandungsgrad liege bei 0,0 Prozent. "Die Standardrechnung für den Normalbürger ist richtig, da sind keine Fehler enthalten", sagte Ehnert. Das Rechnungssystem der Telekom werde von unabhängigen Gutachtern zertifiziert.

Auch die Auskunfts-Tarife zweifelhaft

Zuvor hatte bereits das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet, dass in den vergangenen Monaten Nutzer der Telekom-Auskunft mit überhöhten Abrechnungen belastet worden, weil das Unternehmen über Monate gravierende Softwareprobleme gehabt habe. Dabei soll es vorgekommen sein, dass Verbindungen mit der Nummer 11833 über lange Zeit fortbestanden, obgleich die Gespräche längst beendet waren.

Der "Spiegel" zitierte interne Papiere der Telekom, wonach es "durch einen Fehler in der Technik" vorkommen könne, dass Verbindungen "nicht oder zu spät beendet werden". Die fehlerhaften Verbindungen hätten eine Dauer von mehreren Stunden bis zu einigen Tagen. Es könnten fälschlicherweise Rechnungsbeträge von mehreren tausend Mark pro Verbindung aufkommen.

Nach dem Bericht hatte das Telekom-Management die Mitarbeiter zunächst angewiesen, die den Kunden fehlerhaft berechneten Gebühren voll zu erstatten. Als der so genannte 11833-Fehler im Januar 2002 aber erneut aufgetreten sei, habe das Unternehmen beschlossen, dass Verbindungen "bis 60 Minuten nicht fehlerhaft sind". Das würde bedeuten, dass alle zweifelhaften Gespräche von bis zu einer Stunde Dauer vom Kunden bezahlt werden müssen.

Telekom-Sprecher Stephan Broszio sagte, es gebe "keine falschen Rechnungen, die auf einem Systemfehler beruhen". Auch existiere keine generelle Anweisung des Managements, zweifelhafte Abrechnungen bis zu einer bestimmten Gesprächsdauer dem Kunden anzulasten. "Wenn das so wäre, wäre das sicherlich schon früher bekannt geworden", so Broszio.

Limit für 0190er-Nummern?

Die Bundesregierung denkt unterdessen nach einem Bericht des "Focus" über ein Preislimit für 0190er-Nummern nach, um Betrügern das Handwerk zu legen. "Wir erwägen die Einführung einer Obergrenze", sagte der Staatssekretär im Bundesverbraucherschutzministerium, Alexander Müller. Das Preislimit solle greifen, wenn die von Verbraucherschutzministerin Renate Künast angekündigte Änderung der Telekommunikations-Kundenschutzverordnung keinen Erfolg zeige.

Mit der Änderung müssten Anbieter von 0190er-Nummern nachweisen, dass sie zu Recht Geld vom Kunden verlangen.

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