Telekom-Tochter nimmt die Pauschalgebühr „T-Online-Flat“ vom Markt
Analyse: Der Internetstandort Deutschland bleibt in der Warteschleife

Jetzt ist es amtlich: T-Online, die Internettochter der Deutschen Telekom AG, stellt ihren Pauschaltarif für die Internetnutzung ein. Künftig bietet Europas größter Online-Dienst einen ganzen Strauß verschiedener Tarife an. Unterschiedliche Nutzergruppen, so lautet die Begründung, hätten Anspruch auf differenzierte Preisangebote.

HB DÜSSELDORF. In Wirklichkeit hat der neue T-Online-Chef Thomas Holtrop die Notbremse gezogen, als er die Flatrate abschaffte. Denn der Pauschaltarif hat das Unternehmen jede Menge Geld gekostet, und im vergangenen Jahr das Ergebnis vor allen Dingen im letzten Quartal gründlich verhagelt. Schließlich konnten die Kunden die Leitungen bisher für 79 Mark pro Monat im Extremfall rund um die Uhr besetzt halten. Für die Nutzung der Ortsnetze musste T-Online aber - ebenso wie die Konkurrenten - bei der Deutschen Telekom auf Minutenbasis bezahlen - ein schlechtes Geschäft also.

Für viele Kunden, die das Internet pro Tag zwischen ein und zwei Stunden nutzen, wird die neue Tarifstruktur niedrigere Preise bringen. Doch unterm Strich will der Online-Anbieter künftig mehr in der Kasse haben.

Unternehmerisch ist der Abschied von diesem Verlustbringer für T-Online ein richtiger Schritt. Gehört es doch zu den nahe liegenden Aufgaben des neuen Managements, den defizitären Online-Dienst in die Gewinnzone zu führen. Und nebenbei könnte das Unternehmen bei seinen bitter enttäuschten Aktionären verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. Dafür spricht der gestrige Anstieg des Aktienkurses.

Doch für den Internetstandort Deutschland wirft die Abschaffung der Flatrate Fragen auf. Seit Dezember bietet die Telekom den Wiederverkäufern von Internetzugängen wie AOL oder T-Online auf Anordnung der Regulierungsbehörde zeitunabhängige Netzkapazitäten zu Pauschalpreisen an. Wenn aber selbst T-Online, mit 6,5 Millionen Kunden in Deutschland mit Abstand größter Anbieter von Internetzugängen, keine Chance sieht, auf dieser Grundlage eine rentable Flatrate für Endkunden anzubieten, dürfte das der Konkurrenz noch weniger gelingen.

Hier kommt die große Mutter Deutsche Telekom selbst ins Spiel. Sie macht auch gar keinen Hehl aus ihrer Strategie: Wer künftig ohne zeitliche Begrenzung ins Internet will, der muss auf T-DSL umsteigen. Die neue Technologie leitet den Internetdatenverkehr früher aus dem konventionellen Telefonnetz, dass durch die steigende Zahl von Internetnutzern immer öfter an seine Grenzen kommt. Milliarden neuer Investitionen wären notwendig, um diesen Stau aufzulösen.

Stattdessen setzt die Telekom auf den ihrer Meinung nach zukunftsweisenden Ausbau der DSL-Netztechnik, durch die ein zigfaches der bisherigen Übertragungsgeschwindigkeit möglich wird. Doch das Versprechen, Internetvielnutzern den Ausstieg aus dem überlasteten Telefonnetz durch die preisgünstige T-DSL-Flatrate anzubieten, kann die Telekom nicht einhalten.

Eine halbe Million Kunden warten bereits jetzt auf ihren bestellten T-DSL-Anschluss. Bis Ende des Jahres sollen trotzdem laut Telekom 2,6 Millionen Kunden mit Hochgeschwindigkeitszugängen im Internet surfen.

Doch Zweifel an dieser Prognose sind erlaubt. Vermutlich geht es der Telekom zunächst einmal darum, möglichst viele Kunden zu gewinnen; denn ein Wechsel zur Konkurrenz wird trotz langer Wartezeiten nach der Bestellung unwahrscheinlich.

Das Aus für den konventionellen Pauschaltarif zeigt, dass die Netzstruktur der Telekom auf die gerade stattfindende Explosion des Datenverkehrs nicht vorbereitet ist. "Es ist wie beim Wettlauf von Hase und Igel", räumt die Telekom ein. Noch bevor die Kapazitäten erweitert sind, sorgt der anschwellende Datenstrom für neue Engpässe. Bis die neuen DSL-Netztechnologien dem Internetmassenmarkt wirklich zur Verfügung stehen, bleibt die Ressource Internet in Deutschland also ein knappes Gut.

Ändern könnte sich daran nur etwas, wenn schnell in das konventionelle Telefonnetz investiert würde. Doch ohne echten Wettbewerber der Deutschen Telekom im Ortsnetzbereich sind die Chancen hierfür gering. Es darf zudem bezweifelt werden, ob die stets Beschwerde führenden Konkurrenten der Telekom bereit wären, die notwendigen Netzinvestitionen in Milliardenhöhe zu finanzieren.

Trotz Großhandelspauschale werden jetzt die so genannten Vielnutzer zur Kasse gebeten, also genau diejenigen Internetunternehmen, Programmierer und Selbstständigen, die für den Internetstandort Deutschland so wichtig sind. Sollte die Telekom beim Ausbau des DSL-Netzes nicht schnell einen Gang höher schalten, könnten bald Anbieter und Kunden gleichermaßen das Nachsehen haben. Im Anflug auf das High-Tech-Zeitalter dreht der Internetstandort Deutschland derzeit in der Warteschleife.

Telekom-Kunden warten auf die schnelle Verbindung ins Internet.

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