Telekom-Vorstand Buchal übernimmt kommissarisch Nachfolge
T-Online-Chef Wolfgang Keuntje räumt nach Querelen das Feld

T-Online-Chef Wolfgang Keuntje hat die Brocken hingeworfen. Der 43-Jährige trat nach längeren Differenzen mit Telekom-Chef Ron Sommer ausgerechnet an seinem Geburtstag zurück. Die Börse reagierte geschockt: Nach Bekanntwerden der Nachricht brach der Aktienkurs ein, erholte sich später aber wieder etwas

dri/hz/pos BERLIN/DARMSTADT. Wolfgang Keuntje hatte sich diesen Tag sicher anders vorgestellt. Ausgerechnet an seinem 43. Geburtstag verließ der T-Online-Chef, der erst kürzlich seinen Vertrag verlängert hatte, überraschend das Unternehmen mit sofortiger Wirkung. Selbst die Comdirect, die an T-Online beteiligt ist, zeigte sich völlig überrascht. Die kommissarische Leitung des Internet-Providers übernimmt Detlev Buchal, Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom für Produktmarketing.

Ausgeschieden sei Keuntje auf eigenen Wunsch und aus persönlichen Gründen, begründete die Telekom den Schritt in einer bemerkenswert kargen Mitteilung. Doch nach Handelsblatt-Informationen gingen dem medienwirksam inszenierten Abgang längere Differenzen zwischen Keuntje und Telekom-Boss Ron Sommer voraus. Keuntje sei nicht länger bereit gewesen, bedingungslos hinter den alles dominierenden Sommer "in die zweite Reihe" zurückzutreten und T-Online für Telekom-Zwecke instrumentalisieren zu lassen. Auch habe sich Keuntje wiederholt geweigert, T-Online-Kompetenzen zwecks "Zentralisierung" nach Bonn in die Telekom-Zentrale verlagern zu lassen.

Die Mehrheit der Börsenanalysten glaubt ebenfalls, dass ein Konflikt mit Bonn der Grund für Keuntje war, knapp fünf Monate nach dem Börsengang zurückzutreten. "Die Umstände deuten auf Differenzen hin. Sonst hinterlässt man ein Unternehmen nicht Knall auf Fall führungslos", sagte ein Händler. Auch Theo Kitz, Telekom - Analyst bei Merck, Finck & Co., erinnert daran, dass Keuntje als Chef von Europas größtem Internet-Provider nicht unumstritten war.

Äußerungen aus dem Umfeld der Telekom legen nahe, dass Keuntje die Weiterentwicklung von T-Online vom Anbieter von Internetzugängen zum Informationsdienstleister nicht genug vorangetrieben habe. Als Jobbeschreibung für seinen Nachfolger ist zu hören, man suche eine Person, die sich sowohl "mit Medien und Inhalten als auch dem Internetgeschäft gut auskennt". Denn unter dem Dach von T-Online sollen auch die Dienste der Gelbe-Seiten-Tochter T-Info untergebracht werden. "Alles, was Internet- und Portalgeschäft ist", werde bei T-Online angesiedelt, heißt es. Dafür galt der Fernmeldeingenieur Keuntje wohl nicht mehr als geeignet.

T-Online habe in den vergangenen Monaten in der Tat "eine klare Strategie vermissen lassen", kritisiert Stephan Droxner, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg. Die internationale Expansion sei "nicht überzeugend" verlaufen, es habe an "Wagemut" gefehlt. Robert Halver, Analyst bei Delbrück & Co., sieht im Rücktritt darum ein positives Signal. Der Nachfolger bringe vielleicht den fehlenden Schwung. Die Investoren würden es sicherlich begrüßen, wenn ein erfahrener Manager mit internationalem Hintergrund an die Spitze der Internettochter berufen würde, meint auch Holger Grawe, Analyst bei WestLB Panmure. Sein Kollege Christoph Vogt von M. M. Warburg befürchtet dagegen ein Vakuum an der Spitze. Er bewertet den überraschenden Abgang Keuntjes als Rückschlag für T-Online.

Die Börse reagierte verunsichert: Der Kurs brach sofort nach der Veröffentlichung deutlich ein und erholte sich später nur leicht. Einen Zusammenhang mit den Halbjahreszahlen von T-Online, die am Donnerstag vorgelegt werden, weist die Telekom strikt zurück. Die Zahlen seien in Ordnung, das Unternehmen auf Wachstumskurs.

Viele Investoren haben allerdings schon die Geduld verloren. Seit Erreichen ihres bisherigen Jahreshochs von 48 " haben die Aktien mehr als 40 % verloren. T-Online leidet unter wachsendem Wettbewerbsdruck. Die Haupteinnahmequellen sind noch immer die Gebühren für den Zugang ins Internet. Diese Einnahmen schmelzen aber dahin. Das Unternehmen muss mehr Einnahmen durch E-Commerce und Werbung erzielen.

Kritiker bemängeln zudem, dass T-Online bei der internationalen Expansion nicht richtig vorankommt. Neben Österreich ist der Internetdienst bisher nur in Frankreich präsent. Expansionspläne etwa in Großbritannien sind bislang nicht vorangekommen.

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