Telekom-Werte schneiden europaweit derzeit besser ab als der Durchschnitt
T-Aktien profitieren von neuer Bescheidenheit

Der Telekommunikationssektor könnte jetzt wirklich das Licht am Ende des Tunnels sehen - und nicht nur die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Zuges. Die Branche ist die einzige unter 18 Kategorien des Dow Jones Stoxx-Index 600 europäischer Standardwerte, die mit einem Plus von 8,6 Prozent seit dem 30. Juni in der zweiten Jahreshälfte eine Verbesserung vorweisen kann. Die meisten Sektoren müssen Verluste im zweistelligen Bereich verkraften.

LONDON. Aber hat die Aufwärtsbewegung Bestand? Einige Analysten meinen, die Branche, besonders der Mobilfunkbereich, kriege endlich die Kurve. Skeptiker halten dagegen, die jüngste Erholung sei nach den kräftigem Einbußen seit Jahresbeginn zu erwarten gewesen. In der Augustbefragung von Fondsmanagern durch Merrill Lynch zeigte sich jedoch, dass die Manager zum ersten Mal seit Jahresanfang positiv für Telekom-Werte gestimmt waren. Nachdem sie während der ersten Jahreshälfte von einer Untergewichtung des Sektors profitiert hatten, ändern viele Fondsmanager jetzt ihre Einstellung, auch wenn noch nicht alle Fragen über die langfristige Entwicklung beantwortet sind.

Vielleicht beherzigen die europäischen Telekom-Gesellschaften ja doch die Signale der Aktionäre und richten ihr Augenmerk jetzt auf den Cash Flow als erste Priorität statt auf das phantastische Umsatzwachstum von vorgestern. Gleichzeitig wird den beiden Hauptbelastungen der Branche, sprich die ungewisse Zukunft der Mobilfunkdienste der dritten Generation (3G) und die massiven Schulden, die manche Unternehmen für die kostspieligen 3G-Lizenzen aufgenommen haben, endlich etwas von ihrer Schwere genommen.

Manager entdecken Wurzeln wieder

Die Telekom-Manager in ganz Europa haben umgedacht. Immense Investitionen und Akquisitionen sind in der Regel in den Hintergrund getreten. Bei vielen Gesellschaften gelten jetzt Kostenkontrolle, vernünftiges Wachstum und Shareholder Value wieder etwas. Dies illustriert etwa die Entscheidung von Telefonica, nach vier dürren Jahren wieder eine Dividende zu zahlen. Einem Bericht von Goldman Sachs zufolge werden europäische Festnetzbetreiber im kommenden Jahr eine durchschnittliche Rendite beim verfügbaren Cash Flow von 7,4 Prozent vorweisen. Mobilfunkbetreiber dürften bei mehr als fünf Prozent liegen.

"Die Telekoms entdecken ihre Wurzeln als Versorger wieder", meint ein Fondsmanager. "Firmen, die zeigen, dass sie Kosten und Investitionen senken können, werden belohnt. Keiner sucht nach Umsatzwachstum."

So gesehen, waren die jüngsten Rückschläge bei der Einführung der 3G-Mobilfunkdienste heilsam. Nachdem die Telekom-Gesellschaften zusammen 115 Mrd. Euro für 3G-Lizenzen hingeblättert hatten, haben einige Betreiber, allen voran Telefonica und Sonera, kürzlich ihre 3G-Neugründungen in Europa abgeblasen. Für die Branche sei das positiv, urteilt ein Telekom-Analyst. Die weiße Fahne zu schwenken, habe wie eine Finanzspritze für diese Unternehmen gewirkt, auch wenn das Abschreibungen in Milliardenhöhe und Nettoverluste im ersten Halbjahr bedeutet habe. Sonera, KPN und Telefonica Moviles sind seit Ende Juni alle unter den Spitzenwerten im Telekombereich zu finden, mit Gewinnen zwischen 15 und 18 Prozent. Analysten sind der Meinung, diese Betreiber sollten im kommenden Jahr ein solides Wachstum des Betriebsgewinns vorweisen können. Und sie würden vom Aderlass in Deutschland verschont.

Die Abgänge machen es aber auch für die Unternehmen einfacher, die sich trotzdem auf dem hart umkämpften Markt beweisen wollen. Die unsichere Nachfrage nach den 3G-Diensten bedeutet, dass nur die besten zwei Betreiber in jedem Land eine realistische Chance auf Rentabilität haben. Eine wohlwollende Haltung in Brüssel gegenüber dem gemeinsamen Betreiben von Netzen macht es zudem wahrscheinlicher, dass die lang erwartete Konsolidierung im Mobilfunkbereich eintritt. Das würde große Vorteile hinsichtlich der kritischen Masse, der Investitionen und der Marketing-Kosten bringen. Auch deswegen haben Deutsche Telekom und Vodafone in den letzten zwei Monaten zulegen können.

Und doch ist das Ende des Tunnels noch nicht ganz erreicht: Der stotternde Konjunkturmotor ist zwar eine gute Entschuldigung für Investitionskürzungen, aber er lässt gleichzeitig Zweifel an den mittelfristigen Gewinnaussichten aufkommen. Die europäischen Festnetzbetreiber kämpfen vier Jahre nach der Marktöffnung immer noch mit den Auswirkungen der Liberalisierung und neuen Reglementierungen. Der Druck auf die Margen und Gewinne bleibt unerbittlich.

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