Telekom zwischen Aktionärsschelte und Analystenlob
Verkommt die T-Aktie zum Penny-Stock?

Spricht man mit Analysten, die um ein abgewogenes Urteil bemüht sind, so knüppeln sie die T-Aktie nicht nieder, sondern sehen sie vor allem in der Depression verfangen, die sich über die gesamte frühere Boom-Branche gelegt hat. Einige raten, jetzt T-Aktien zu kaufen.

vwd - DÜSSELDORF. Den Wonnemonat Mai haben sich die Deutsche Telekom AG und ihre Anleger sicher anders vorgestellt. Den Anfang markiert die jüngste Talfahrt der T-Aktie, am Monatsende wird auf der Hauptversammlung geballte Kritik am Team um Ron Sommer laut werden. Dazwischen liegen viele (teils vermeintlich) negative Nachrichten, die das Image weiter ramponiert haben. Schon leben die Forderungen nach Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden wieder auf, die auch voriges Frühjahr die Runde machten. Doch nicht alles Übel ist allein Sommer anzulasten, und im Grunde ist es um die Telekom nach Meinung diverser Beobachter so schlecht gar nicht bestellt.

Statt Frühlingsgefühlen haben die drei Millionen Aktionäre Wut im Bauch. Den Dreisprung Mammutverlust, Dividendenkürzung und Rekordkurstief können sie Sommer nicht verzeihen, der einst beim Börsengang vor fünf Jahren die Telekom-Aktie quasi als mündelsicheres Investment angepriesen hatte. Nun ist die einstige Zierde im Dax weit unter den Ausgabekurs auf nie gesehene zwölf Euro abgestürzt. Was ist los? Soll das Papier als Penny-Stock enden? Spricht man mit Analysten, die um ein abgewogenes Urteil bemüht sind, so knüppeln sie den Wert nicht nieder, sondern sehen ihn vor allem in der Depression verfangen, die sich über die gesamte frühere Boombranche gelegt hat.

Das heißt aber nicht, dass es bei der Telekom nicht genügend Anlass zur Sorge gäbe. Die Zweifel, dass die Hauptinvestments - in die Mobilfunker One2One und VoiceStream und in die UMTS-Lizenzen - ihre Abermilliarden nicht wert sein könnten, sind noch lange nicht ausgeräumt. Auch ist unsicher, ob der Verkauf von Vermögens-Gegenständen die nötigen Mittel einbringen wird, um die Schulden abzubauen. Das Kabelnetz etwa ist nach Meinung von Experten bei weitem nicht mehr die 5,5 Mrd. Euro wert, zu der es die Telekom an Liberty hatte verkaufen wollen. Und der Börsengang von T-Mobile, der nach bisheriger Planung um die zehn Mrd. Euro einbringen soll, steht in den Sternen.

Auch hinter den jetzt angeblich forcierten Verkauf von Immobilien - deren Wertberichtigung vor gut einem Jahr dem Ansehen der Telekom Schaden zufügte - ist ein dickes Fragezeichen zu setzen. Auf diese drei Maßnahmen setzt die Telekom, um die Verbindlichkeiten bis Ende 2003 um rund ein Drittel auf 50 Mrd. Euro zu verringern - eine noch immer astronomische Summe, die aus Analystensicht aber gemessen am operativen Ergebnis durchaus vertretbar ist. Hier nämlich, und das heben die Beobachter stets hervor, ist in den kommenden Jahren ein zweistelliges Wachstum zu erwarten.

Irgendwann werden die Erträge dann die Firmenwert- und Lizenzabschreibungen und die Zinszahlungen übersteigen, die der Telekom derzeit den Reingewinn wegfressen. In den Szenarien der Analysten steht oft das Jahr 2005 als Wendepunkt zu schwarzen Zahlen, wie sie das Bonner Unternehmen bis 2000 geschrieben hatte. Bis dahin blicken die Profis (ganz im Sinne der Telekom) auf das Bruttoergebnis ohne Abschreibungen, Finanzergebnis und Steuern. Hier hat sich besonders VoiceStream hervorgetan, die in den ersten drei Monaten dieses Jahres nicht nur mit einer halben Million neuer Kunden, sondern auch mit dem operativen Turnaround aufwartete.

Wenn die Telekom am kommenden Mittwoch vollständige Quartalszahlen vorlegt, wird sie neben blendenden Ergebnissen im Mobilfunk wohl nur im Festnetz Rückgänge vermelden. Dass zum Jahresende Call-by-Call im Ortsnetz ermöglicht wird und Konkurrenten ohne teure eigene Infrastruktur dem Konzern sein Quasi-Monopol streitig machen könnten, ist ein weiterer Punkt, der aus strategischer Sicht zur Beunruhigung beiträgt. Insgesamt sehen viele Analysten die Telekom aber gut aufgestellt und im Siegerlager bei der erwarteten internationalen Konsolidierung der Branche. Einige raten, jetzt T-Aktien zu kaufen.

Joeri Sels von Julius Bär etwa hält die Papiere für fundamental unterbewertet. "Die Branche ist weiterhin ein Wachstumsmarkt", meint der Spezialist, der zum Tief der T-Aktie harsch urteilt: "Der Kurs ist das Resultat des Herdentriebs von kurzfristig orientierten Kleinanlegern." Auch Fondsmanager wie Thomas Kruse von Activest meinen, dass dem Kursverfall in erster Linie ein "Sektorproblem" zu Grunde liegt. Selbst Händler sprechen von einer Übertreibung nach unten. Verschlimmernd kommt bei der Telekom eine Reihe schlechter Tagesnachrichten hinzu. Die aber sind bei näherem Hinsehen teilweise zu relativieren.

So wurde und wird die durch eine Änderung der Bilanzierungsvorschriften in den USA erzwungene Ausbuchung aktiver latenter Steuern von 4,3 Mrd. Euro bei VoiceStream als Abwertung der Mobilfunklizenzen und Fanal weiterer Wertberichtigungen missverstanden. Der Vorwurf Brüssels, die Telekom verlange von Konkurrenten für den Zugang zum Ortsnetz zu hohe Preise, hätte sich eher an den Regulierer richten müssen. Und die dicke Erhöhung der Vorstandsgehälter in Zeiten roter Zahlen geht zu einem nicht unerheblichen Teil auf (immer noch satte) Abfindungen und Pensionen für zwei ausgeschiedene Mitglieder der Führungsetage.

Diese Steigerung der Bezüge nehmen die Anleger dem Team Telekom besonders übel. Zur Hauptversammlung am 28. Mai in Köln liegen zehn Anträge von Einzelaktionären und Aktionärsschützern vor, dem Management die Entlastung zu verweigern, und viele nehmen dabei die Gehälter aus Korn. Auch das Sponsoring des FC Bayern München, das die Telekom angeblich 20 Mio. Euro pro Jahr kostet, kreiden sie Sommer an, der auf der anderen Seite die Dividende um rund 40 Prozent kappte. Zumindest einen prominenten Fürsprecher aber hat der Vorstandsvorsitzende. Bundeskanzler Gerhard Schröder merkt an: "Es besteht kein Anlass, den Mann auszuwechseln, er hat gut gearbeitet."

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