Telekommunikation
Bei Glasfaser-Netzen ist Nortel der Konkurrenz weit voraus

Nortel Networks steht bei fast allen großen Investmenthäusern an der Spitze ihrer Kauflisten. Umsatz und Gewinn wachsen rasant. Der jüngste Plan, der mögliche Verkauf der optischen Komponenten an Corning, könnte der Aktie noch mehr Kurs-Potenzial bringen.

NEW YORK. Der Vorstandschef John Roth des kanadischen Telekommunikations-Ausrüsters Nortel Networks Corp. wirkt als Person eher unscheinbar. Doch der Sammler schneller Autos bringt es auf einer lokalen Rennstrecke in der Nähe des Firmensitzes in Brampton/Ontario schon mal auf 260 Stundenkilometer.

Tempo, so scheint es, ist eine der größten Stärken von Roth, auch im Geschäftlichen. Seit der Nortel-Konzern vor zwei Jahren aus einer Fusion des eher hausbackenen kanadischen Zulieferers für Telefon Northern Telecom Ltd. -Gesellschaften mit dem kalifornischen Internet-Ausrüster Bay Networks entstand, hat die Aktie des Konzerns einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Sie steht heute bei fast allen großen Investmenthäusern an der Spitze ihrer Kauflisten. Nortel Networks ist es nämlich gelungen, die Verlässlichkeit herkömmlicher analoger Kommunikations-Netze mit der Effizienz digitaler Daten-Transport-Netze zu kombinieren. Solcherlei Verbund-Systeme gelten als die Netze der Zukunft, sie geben traditionellen Firmen die Gelegenheit, am E-Commerce und der Effizienz der Internet-Ökonomie teilzuhaben, ohne dass sie sich umgehend von ihren herkömmlichen Kabelnetzen trennen müssen. Im rasch wachsenden Glasfaser-Bereich geben Experten dem kanadischen Konzern zudem unter allen Konkurrenten die besten Chancen, Marktanteile hinzuzugewinnen und die Führung auszubauen.

Innerhalb der vergangenen zwölf Monate ist der Kurs der Nortel-Aktie um fast 280 % gestiegen. Und das, obwohl Analysten dem Konzern bei seinen Anfängen vor knapp zwei Jahren kaum eine Chance gegeben hatten. Damals wirkte der Entschluss Roths, das von Schwächen geplagte Unternehmen Bay Networks zu kaufen bei der Analysten-Gemeinde so, als wolle hier der Blinde dem Lahmen helfen. Inzwischen erscheint der Schritt als genial. Bay Networks verfügte über neueste Internet-Technologie-Standards und brachte die etwas behäbige Northern Telecom gehörig in Schwung. Raffinierte Bonus-Programme sorgen für hohe Mitarbeiter-Motivation, und man sagt, in dem heute 77 000 Beschäftigte zählenden Konzern gibt es Zeichen von Unternehmergeist wie in einem Jung-Unternehmen. "Anstatt die 7 500 Mitarbeiter von Bay Networks in die Kultur von Nortel einzupassen, haben wir damals lieber versucht, die 75 000 Mitarbeiter von Nortel mehr an Bay Networks anzugleichen" erläutert Roth seine Politik. Während das Management vorsichtig für das laufende Jahr ein Umsatz-Wachstum von 25% bis 30 % ankündigt, rechnen Analysten eher mit 35%. Zu den für dieses Jahr erwarteten Erlösen in Höhe von 28,5Mrd. $ dürfte der Glasfaser-Bereich allein 11 Mrd. $ beisteuern, glaubt Wertpapier-Analyst Alex Henderson von der Investmentbank Salomon Smith Barney. Dabei wächst der Glasfaserbereich schneller als bei den Konkurrenten. Das Umsatzwachstum in diesem Segment wird von 20 % im vergangenen Jahr auf 40 % bis Ende dieses Jahres und 50 % im kommenden Jahr steigen, schätzt Henderson.

Konkurrent Lucent, jüngst bei Investoren wegen enttäuschender Prognosen in Ungnade gefallen, gerät dabei mehr und mehr ins Abseits. Während Lucent im Glasfaser-Bereich gerade zehn Gigabit-Pro-Sekunde Systeme einführt, hat Nortel vor, bis zum Ende des Jahres bereits die Übermittlung von 40 Gigabit-Pro-Sekunde marktreif zu haben. "Im Glasfaserbereich ist Nortel der Konkurrenz um zwölf Monate voraus", glaubt Wertpapieranalyst Tim Luke von der Investmentbank Lehman Brothers. Als Mobilfunk-Zulieferer und bei der Beratung und Ausstattung von Firmenkunden gewinnt Nortel ebenfalls Marktanteile, glaubt Henderson von Salomon Smith Barney. Luke beurteilt Nortel als einen der am besten positionierten globalen Wettbewerber der Branche, mit einem breiten Leistungsangebot.

Der jüngste Plan von Nortel, der mögliche Verkauf der Division für optische Komponenten an die Corning Inc., könnte der Nortel-Aktie noch mehr Kurs-Potenzial bringen. "Ein Transaktions-Preis von 100 Mrd. $ läge etwa doppelt so hoch, als wenn man die Gruppe als Summe ihrer Einzelteile bewertet", bemerkt Wertpapier-Analyst Thomas Astle von der Investmentbank Merrill Lynch.

Risiken sehen Experten allenfalls für den Fall, dass die Glasfaser-Branche insgesamt schwächer wächst oder dass die Kunden von Nortel unter Preis-Druck geraten. Außerdem könnten mögliche Versorgungsengpässe das Geschäft verderben.

Als Kursziel nennt Merrill Lynch, ebenso wie Salomon Smith Barney, 100 $, Lehman Brothers hat es bei 85 $ angesetzt.

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