Terror
Das Doppelgesicht

Er lernte schießen in Afghanistan. Doch er sagt, er wolle Konflikte friedlich lösen. Er traf sich oft mit Mohammed Atta. Doch vom Terror des 11. September will er nichts gewusst haben. Der Angeklagte Motassadeq redet viel am ersten Prozesstag. Die Wahrheitsfindung wird schwierig.

Ein schmales Gesicht, Vollbart, zurück gekämmtes dunkles Haar: Ist dies das Gesicht des Terrorismus? Aufgeregt rutscht Mounir El Motassadeq auf seinem Stuhl hin und her. Mal faltet er die Hände, dann legt er eine Hand schnell an die Wange, um seinen Kopf zu stützen. Ausführlich antwortet der schmale junge Mann, 28, auf die Fragen des Vorsitzenden Richters Albrecht Mentz. Direkt blickt er ihm in die Augen. Wie nebenbei dann die Information: Ja, er sei in einem militärischen Ausbildungslager in Afghanistan und Pakistan gewesen. "Es ist im Islam erwünscht, dass man das Schießen lernt."

Dienstagmorgen, Hamburger Oberlandesgericht, Saal 237. Die Anklage der Bundesanwaltschaft, die Staatsanwalt Matthias Krauß in Kurzform verlist lautet auf Beihilfe zum Mord in 3045 Fällen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Die Anklageschrift umfasst 89 Seiten mit 35 Seiten Anlagen. In 87 Stehordnern sind die Beweismittel und Unterlagen zum Prozess gesammelt. Die Masse des Materials gibt einen Vorgeschmack auf das ein vermutlich langwieriges Verfahren. Zunächst ist es bis Ende Januar 2003 angesetzt. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass es länger dauern wird.

Der Terror und die Toten, der Krieg in Afghanistan, ein wütendes Amerika: Ein paar Terroristen haben die Welt am 11. September 2001 in einem Ausmaß verändert, das nicht mehr justiziabel ist. Aber darum geht es vor dem Hamburger Oberlandesgericht nicht. Die Richter müssen nur feststellen, wer Motassadeq wirklich ist. Und das wird schwer genug. Der brave religiöse Student, wie er auch im Gerichtssaal auf die Zuschauer wirkt und als den ihn sein Vater aus Marokko beschreibt? Oder einer der vermutlich sieben Männer aus Hamburg, die den schlimmsten Terroranschlag der jüngsten Geschichte vorbereitet haben, bevor einige von ihnen tatsächlich Flugzeuge entführt und als Waffen benutzt haben?

Motassadeq beteuert seine Unschuld

Hat er der Gruppe um Mohammed Atta als "Statthalter" gedient, wie Staatsanwalt Matthias Krauß meint? Hat er die Finanzen der Terroristen während ihrer Abwesenheit geregelt und durch Überweisungen in die USA die Ausbildung von Atta und zwei seiner Gefolgsleute zu Piloten ermöglicht? War er das "Rädchen, ohne das die Sache nicht funktioniert hätte", wie Generalbundesanwalt Kay Nehm formulierte.

Diese Fragen interessieren die Welt. Über 100 Journalisten sind im Saal, viele aus den USA. Eine drei Meter hohe, schusssichere Glaswand trennt sie und die anderen Zuschauer von Richtern, Staatsanwälten, Verteidigern, Protokollanten und eben Mounir El Motassadeq.

Der Angeklagte beteuert seine Unschuld und weist die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft zurück. Er habe nichts von den Plänen Attas gewusst, mit entführten Verkehrsflugzeugen Anschläge auf das World-Trade-Center und das Pentagon zu verüben. "Selbstmordattentäter sind keine Märtyrer. Selbst im Krieg gibt es Regeln." Motassadeq, der neben seinen beiden Wahlverteidigern Hartmut Jacobi und Hans Leistritz sitzt, wirkt in seinem grauen, leicht gemustertem Hemd nur wie der normale Elektrotechnik-Student aus Hamburg-Harburg, als der er immer erschien.

Treffen mit Atta zum Beten

Motassadeq folgt der Verhandlung auf Deutsch, er spricht sehr gut die Sprache, die er seit 1993 gelernt hat. Er sei in Marrakesch geboren, berichtet Motassadeq den Richtern, er habe fünf Geschwister. Als er einen Dolmetscher um eine Übersetzung bitten muss, wechselt er einige Worte mit dem Dolmetscher, lacht mit ihm, feixt selbstbewusst. Sein Vater sei "Medizinisch Technischer Assistent". 1993 ist Motassadeq nach Münster gekommen, hat dort ein Studienkolleg besucht und Deutschkurse belegt. In Hamburg lernt er seine heutige Frau kennen, heiratet und wird Vater eines Mädchens und eines Jungens. Seine Frau kommt aus St. Petersburg, ist zum Islam konvertiert. Bis zu seiner Verhaftung im November 2001 kann er alle Scheine für sein Diplom machen. Es stehen nur noch ein Praktikum und seine Abschlussarbeit aus.

In Hamburg lernt er aber auch Atta kennen. An der Uni, wie Motassadeq den Richtern erklärt. Man habe sich zum Beten in einer Moschee getroffen und schließlich auch privat, zu Hause, mit anderen Freunden. Motassadeq legt Wert darauf zu sagen, dass dies kein geschlossener Kreis war, bei dem nur Moslems willkommen gewesen seien. Er muss aber eingestehen, dass nur Moslems da waren. Man habe über Politik und Religion gesprochen. Als Bundesanwalt Walter Lemberger nachfragt, ob denn auch über den Märtyrertod gesprochen worden sei, wird Motassadeq gereizt. Seine Stimme hebt sich, er wird lauter und antwortet knapp: "Ja." Innerhalb kurzer Zeit erscheint Motassadeq sowohl zurückhaltend und schüchtern als auch gereizt bis aggressiv.

Man habe bei den Treffen auch über den Israel-Palästina-Konflikt gesprochen. Dann distanziert sich Motassadeq aber von Atta, wie bei so vielen Fragen der Richter. Atta habe radikalere Positionen vertreten, Gewalt zur Lösung des Konfliktes im Nahen Osten befürwortet. Für ihn sei das nie eine Möglichkeit gewesen.

Motassadeq distanziert sich von Extremisten

Die Anklage stützt sich auf radikale Äußerungen des scheinbar so zurückhaltenden Motassadeqs. "Sie wollen wieder etwas machen, und es wird etwas größeres sein. Die Juden werden verbrennen, und wir werden auf ihren Gräbern tanzen", soll Motassadeq gesagt haben. Oder: Für seinen Glauben würde er notfalls die eigene Familie umbringen. Dies habe er nie gesagt, beteuert Motassadeq am ersten Verhandlungstag und bringt sich in Distanz zu den Extremisten um Atta.

Zur Klärung dieser Fragen wird es auf die Zeugen ankommen. 160 sollen aussagen. Das Gericht beabsichtigt unter anderem, den in Pakistan gefassten Ramzi Binalshib zu befragen, wie die Anwälte Motassadeqs in der Verhandlungspause mitteilen. Binalshib sitzt in den USA im Gefängnis und gilt als Mitattentäter des 11. September und Freund Attas.

Immer wieder zeigen sich auch die kulturellen Grenzen zwischen Orient und Okzident. Welche Bedeutung hat die Unterschrift Motassadeqs unter dem Testament Attas? Ist die Signatur ein Beweis für die enge Freundschaft zwischen Atta und Motassadeq, in der Motassadeq auch von Attas Anschlagsplänen wissen musste? Oder sollte das Testament sogar die Spur zu den geplanten Attentaten verschleiern, weil ein Märtyrer ein solches Testament überhaupt nicht braucht? Die Verteidiger Motassadeqs, die Freispruch fordern, haben die ständige Anwesenheit eines Islamwissenschaftlers beantragt.

Nur einmal zweifelt Richter Mentz die Glaubwürdigkeit des Angeklagten offen an. Als Mentz ihn fragt, wie er und die anderen aus der Hamburger Gruppe den Palästina-Konflikt gesehen hätten und Motassadeq nur antwortet, man sei sich in der Gruppe einig gewesen, dass der Konflikt gelöst werden müsse an. "Es fällt mir schwer, ihnen das abzunehmen."

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